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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

›Copy und Paste‹ im Mittelalter

»Der Welsche Gast« des Thomasin von Zerklaere und die bildliche Überlieferungsgeschichte (1256)

von Lisa Horstmann

 
›Der  Welsche Gast‹ des Thomasin von Zerklaere

Handschrift A, fol. 31v (Höhe: 13,3 cm, Breite: 10,4 cm, Pergament, gotische Buchschrift). Hier zu sehen ist das Motiv 35 ›Die viergeteilte Unbeständigkeit‹. Entstanden in Kärnten/Steiermark oder Bayern. Heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 389). Datierung: Zweites Viertel 13. Jahrhundert.

 
zur Autorin

Lisa Horstmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt B06 »Materiale Präsenz des Geschriebenen und ikonographische Rezeptionspraxis in der mittelalterlichen Lehrdichtung. Text-Bild-Edition und Kommentar zum ›Welschen Gast‹ des Thomasin von Zerklaere« des SFB 933. Sie erschließt im Rahmen ihrer Dissertationsschrift den Bilderzyklus des ›Welschen Gastes‹ hinsichtlich seiner Funktionsweise und der Veränderungen in der Überlieferungsgeschichte.

 

Artikel als PDF

Im Mittelalter war jedes Buch ein Unikat — so auch Kopien. Jeder Buchstabe wurde einzeln abgeschrieben, jedes Bild einzeln abgemalt. Die 24 überlieferten Handschriften vom ›Welschen Gast‹ des Thomasin von Zerklaere sind hierfür ein gutes Beispiel.

Der ›Welsche Gast‹ ist ein Lehrgedicht in mittelhochdeutscher Sprache, das 1215/16 im Friaul in Norditalien verfasst wurde. In ca. 15.000 Versen gibt Thomasin Ratschläge etwa für Liebesgaben und erklärt den richtigen Umgang mit irdischen Gütern. Er gibt Hinweise für gutes Benehmen bei Tisch und für die Pflichten eines guten Herrschers. Was wir jetzt tun, mahnt er, hätte Folgen im Jenseits. Thomasins Hauptanliegen ist die Überwindung der Laster durch tugendhaftes Verhalten. Sein Werk richtet sich an den deutschsprachigen Adel seiner Zeit, an tüchtige Ritter, gute Frauen und weise Geistliche. Es solle dem ›Deutschen Land‹, so empfehlen es diese Verse, wie ein Gast willkommen sein.

Über Thomasin von Zerklaere ist wenig bekannt. Detailliertere Hinweise zur Biographie liefern Angaben, die Thomasin über sich selbst im ›Welschen Gast‹ macht. Er teilt dem Leser mit, dass er noch nicht 30 Jahre alt sei (V. 2445: ich bin niht alt drîzec jâr), dass er Bildung genossen habe (V. 12256: ze schuole wære) und dass er sich mehr als acht Wochen lang am Hofe von Otto IV. aufgehalten habe, als dieser in der Lombardei und Rom gewesen sei (V. 10471–10477). In einem Nekrolog, einem Totenverzeichnis des Domkapitels von Aquileia, wird Thomasin als Canonicus bezeichnet. Das »Necrologium Aquileiense« (um 1300) ist die einzige Quelle, in welcher Thomasin von Zerklaere mit seinem vollen Namen erwähnt wird. Dennoch bleibt unklar, wann und wo er das Amt des Kanonikers ausübte. Als ›der Fremde aus Italien‹ (so die Bedeutung von ›Welscher Gast‹) schreibt er nicht in seiner Muttersprache, sondern auf Deutsch. Zur Entstehungszeit lebte Thomasin in einem sprachlichen Grenzgebiet. Deutsche Einflüsse im Patriarchat von Aquileia sind somit nicht auszuschließen. Verbunden waren die Gebiete durch die staufische Regentschaft. Das Heilige Römische Reich erstreckte sich unter ihrer Herrschaft von der Nordsee bis nach Sizilien. Wie sehr Thomasin von der politischen Situation beeinflusst war, schlägt sich in seinem Lehrgedicht nieder. Der ›Deutsche Thronstreit‹ um 1200 brachte das gesamte Reich in eine instabile Lage. Unter den mehrjährigen Auseinandersetzungen der Herrschenden litten alle Menschen im Reich. Thomasin mahnt in seinem Werk wohl deswegen immer wieder zur Beständigkeit und gibt Ratschläge für das Verhalten eines guten Herrschers. Begleitet werden die meist abstrakten Lehrinhalte durch Bilder, die das Geschriebene illustrieren oder in eine erfahrbare Beispielgeschichte überführen. 15 der 24 erhaltenen Exemplare des ›Welschen Gastes‹ sind reich bebildert. Beim Kopieren legte man großen Wert auf die Bewahrung des übergreifenden Konzepts. In jedem Buch werden die gleichen Verse illustriert, so dass sich eine relativ konstante Gruppe von insgesamt 120 verschiedenen Motiven im ›Welschen Gast‹ beschreiben lässt. Dennoch unterliegen die Bilder der einen oder anderen Veränderung. Die überlieferten Bücher unterscheiden sich generell in Größe, Layout und Material. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Werkstätten hatten je eigene Ansprüche und Konventionen. Oft nahm man bei Kleidung, Frisuren und Gesichtszügen Anpassungen an den Zeitgeschmack vor. Der Vergleich zeigt, dass auch die Kopisten im Mittelalter ihre Schwierigkeiten mit ›Copy und Paste‹ hatten. Einer wollte es besser als die Vorlage machen, ein anderer vergaß ein Detail, ein dritter hatte eigene künstlerische Vorstellungen. Gut nachzuvollziehen ist dies am Beispiel des Motivs 35, welches die ›Viergeteilte Unbeständigkeit‹ darstellt. Das Bild bezieht sich auf folgende Verse Thomasins:

Swaz iſt ganz mvz ſein aíne·
Vnſtetichait div iſt gemaine·
Wan ſi allenthalben wil·
Si iſt niht ganz vnd hat niht cil·
Si iſt ze mínnſt in víer getailt·
Ain tail iſt liep daz ander lait·
Daz tritte ia· daz vierde niht·
Si iſt zebrochen vnd zebricht·

(Hs. A, V. 1965–1972)

»Alles, was vollkommen ist, muss unteilbar sein.
Die Unbeständigkeit ist Gemeingut,
denn sie will überall hin.
Sie ist nicht vollkommen und nicht abgeschlossen;
sie zerfällt mindestens in vier Teile:
Ein Teil ist Freude, das andere Leid,
das dritte Ja, das vierte Nein.
Sie ist zerbrochen und zerbricht.«

Thomasin charakterisiert in diesen Versen das Laster der Unbeständigkeit. Wenn jemand unbeständig ist, dann ist er nicht aus einem Stück, sondern zerbrochen. Alles Geteilte ist aber schlechter als das Ungeteilte, so schreibt er. Der unbeständige Mensch ist von Widersprüchen zersetzt. Das Bild in den älteren Handschriften zeigt eine in vier Teile zerschnittene Figur: »Freude«, »Leid«, »Ja« und »Nein« steht jeweils über einem Teil. Die Darstellung seiner Mahnung zu Beständigkeit greift ein Motiv aus dem Alten Testament auf. Der babylonische König Nebukadnezar träumt von einem viergeteilten Standbild. Der Prophet Daniel deutet den Traum als Bild der vier vergänglichen Weltreiche. Die Veränderung des Bildes im Laufe der Überlieferung ist offensichtlich. In den älteren überlieferten Handschriften wird die Figur der Unbeständigkeit mit ihrem viergeteilten Körper so dargestellt, wie es der Text beschreibt. Auch die Anspielung auf die Vier-Reiche-Lehre aus dem Alten Testament bleibt zunächst erhalten. Im Laufe der ca. 250-jährigen Überlieferungsgeschichte werden Details der Figur verändert. Zunächst wird die Figur nicht mehr in vier Teilen dargestellt, auch wenn die Beschriftung noch auf die vier Teile verweist. Dabei geht die Anspielung auf den Traum des Nebukadnezar verloren. In einigen Handschriften wird zu den Versen nur noch ein stereotyper junger Mann dargestellt und eine kleine Beischrift setzt das Bild mit dem Text in Bezug und macht es dem Betrachter verständlich.

Auch wenn es in der mittelalterlichen Schreibwerkstatt stets Bemühungen gab, beim Kopieren eines Buches das Gesamtkonzept zu wahren, verändern sich das Bild und das ganze Buch mit jeder neuen Kopie. Das Werk Thomasins bleibt durch die verschiedenen Zeiten hindurch beweglich. Es ist schlichtweg nicht möglich gewesen, das Werk über so eine lange Zeit unverändert zu kopieren. Die Maler, die Schreiber, die Auftraggeber, das Pub­likum — sie alle bestimmten das Erscheinungsbild des einzelnen Buches. So sollte jedes dieser Bücher des ›Welschen Gastes‹ als das gesehen werden, was es ist: ein ernstzunehmender Überlieferungszeuge. Ein Unikat im mittelalterlichen Prozess von ›Copy und Paste‹.

 

 
Literatur

Thomasin von Zerclaere (1984–1985), Der Welsche Gast, hg. von Friedrich Wilhelm von Kries, 4 Bde. (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 425, 1–4), Göppingen.

Thomasin von Zerklaere (2004), Der Welsche Gast, ausgewählt, eingeleitet, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eva Willms, Berlin.

Ewald Vetter (1974), Der welsche Gast des Thomasîn von Zerclaere, Codex Palatinus Germanicus 389 der Universitätsbibliothek
Heidelberg
(Facsimilia Heidelbergensia 4), Wiesbaden.

Weitere Verweise

"Welscher Gast Digital" — Digitale Edition des "Welschen Gastes" mit Digitalisaten, textkritischen Anmerkungen und Abbildungssuche (SFB933 und UB Heidelberg).

Projektseite auf den Webseiten des "Heidelberger Forum Edition".

Berichte auf dem mittelalter-blog (via hypotheses.org), dem MTK-Blog (via hypotheses.org) und bei H/SOZ/KULT (Konferenzbericht).

Abbildungshinweis

Titelbild: © Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 389, fol. 31v

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

›Copy und Paste‹ im Mittelalter

»Der Welsche Gast« des Thomasin von Zerklaere und die bildliche Überlieferungsgeschichte (1256)

von Lisa Horstmann

›Der  Welsche Gast‹ des Thomasin von Zerklaere

Handschrift A, fol. 31v (Höhe: 13,3 cm, Breite: 10,4 cm, Pergament, gotische Buchschrift). Hier zu sehen ist das Motiv 35 ›Die viergeteilte Unbeständigkeit‹. Entstanden in Kärnten/Steiermark oder Bayern. Heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 389). Datierung: Zweites Viertel 13. Jahrhundert.

Titelbild: © Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 389, fol. 31v

Im Mittelalter war jedes Buch ein Unikat — so auch Kopien. Jeder Buchstabe wurde einzeln abgeschrieben, jedes Bild einzeln abgemalt. Die 24 überlieferten Handschriften vom ›Welschen Gast‹ des Thomasin von Zerklaere sind hierfür ein gutes Beispiel.

Der ›Welsche Gast‹ ist ein Lehrgedicht in mittelhochdeutscher Sprache, das 1215/16 im Friaul in Norditalien verfasst wurde. In ca. 15.000 Versen gibt Thomasin Ratschläge etwa für Liebesgaben und erklärt den richtigen Umgang mit irdischen Gütern. Er gibt Hinweise für gutes Benehmen bei Tisch und für die Pflichten eines guten Herrschers. Was wir jetzt tun, mahnt er, hätte Folgen im Jenseits. Thomasins Hauptanliegen ist die Überwindung der Laster durch tugendhaftes Verhalten. Sein Werk richtet sich an den deutschsprachigen Adel seiner Zeit, an tüchtige Ritter, gute Frauen und weise Geistliche. Es solle dem ›Deutschen Land‹, so empfehlen es diese Verse, wie ein Gast willkommen sein.

Über Thomasin von Zerklaere ist wenig bekannt. Detailliertere Hinweise zur Biographie liefern Angaben, die Thomasin über sich selbst im ›Welschen Gast‹ macht. Er teilt dem Leser mit, dass er noch nicht 30 Jahre alt sei (V. 2445: ich bin niht alt drîzec jâr), dass er Bildung genossen habe (V. 12256: ze schuole wære) und dass er sich mehr als acht Wochen lang am Hofe von Otto IV. aufgehalten habe, als dieser in der Lombardei und Rom gewesen sei (V. 10471–10477). In einem Nekrolog, einem Totenverzeichnis des Domkapitels von Aquileia, wird Thomasin als Canonicus bezeichnet. Das »Necrologium Aquileiense« (um 1300) ist die einzige Quelle, in welcher Thomasin von Zerklaere mit seinem vollen Namen erwähnt wird. Dennoch bleibt unklar, wann und wo er das Amt des Kanonikers ausübte. Als ›der Fremde aus Italien‹ (so die Bedeutung von ›Welscher Gast‹) schreibt er nicht in seiner Muttersprache, sondern auf Deutsch. Zur Entstehungszeit lebte Thomasin in einem sprachlichen Grenzgebiet. Deutsche Einflüsse im Patriarchat von Aquileia sind somit nicht auszuschließen. Verbunden waren die Gebiete durch die staufische Regentschaft. Das Heilige Römische Reich erstreckte sich unter ihrer Herrschaft von der Nordsee bis nach Sizilien. Wie sehr Thomasin von der politischen Situation beeinflusst war, schlägt sich in seinem Lehrgedicht nieder. Der ›Deutsche Thronstreit‹ um 1200 brachte das gesamte Reich in eine instabile Lage. Unter den mehrjährigen Auseinandersetzungen der Herrschenden litten alle Menschen im Reich. Thomasin mahnt in seinem Werk wohl deswegen immer wieder zur Beständigkeit und gibt Ratschläge für das Verhalten eines guten Herrschers. Begleitet werden die meist abstrakten Lehrinhalte durch Bilder, die das Geschriebene illustrieren oder in eine erfahrbare Beispielgeschichte überführen. 15 der 24 erhaltenen Exemplare des ›Welschen Gastes‹ sind reich bebildert. Beim Kopieren legte man großen Wert auf die Bewahrung des übergreifenden Konzepts. In jedem Buch werden die gleichen Verse illustriert, so dass sich eine relativ konstante Gruppe von insgesamt 120 verschiedenen Motiven im ›Welschen Gast‹ beschreiben lässt. Dennoch unterliegen die Bilder der einen oder anderen Veränderung. Die überlieferten Bücher unterscheiden sich generell in Größe, Layout und Material. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Werkstätten hatten je eigene Ansprüche und Konventionen. Oft nahm man bei Kleidung, Frisuren und Gesichtszügen Anpassungen an den Zeitgeschmack vor. Der Vergleich zeigt, dass auch die Kopisten im Mittelalter ihre Schwierigkeiten mit ›Copy und Paste‹ hatten. Einer wollte es besser als die Vorlage machen, ein anderer vergaß ein Detail, ein dritter hatte eigene künstlerische Vorstellungen. Gut nachzuvollziehen ist dies am Beispiel des Motivs 35, welches die ›Viergeteilte Unbeständigkeit‹ darstellt. Das Bild bezieht sich auf folgende Verse Thomasins:

Swaz iſt ganz mvz ſein aíne·
Vnſtetichait div iſt gemaine·
Wan ſi allenthalben wil·
Si iſt niht ganz vnd hat niht cil·
Si iſt ze mínnſt in víer getailt·
Ain tail iſt liep daz ander lait·
Daz tritte ia· daz vierde niht·
Si iſt zebrochen vnd zebricht·

(Hs. A, V. 1965–1972)

»Alles, was vollkommen ist, muss unteilbar sein.
Die Unbeständigkeit ist Gemeingut,
denn sie will überall hin.
Sie ist nicht vollkommen und nicht abgeschlossen;
sie zerfällt mindestens in vier Teile:
Ein Teil ist Freude, das andere Leid,
das dritte Ja, das vierte Nein.
Sie ist zerbrochen und zerbricht.«

Thomasin charakterisiert in diesen Versen das Laster der Unbeständigkeit. Wenn jemand unbeständig ist, dann ist er nicht aus einem Stück, sondern zerbrochen. Alles Geteilte ist aber schlechter als das Ungeteilte, so schreibt er. Der unbeständige Mensch ist von Widersprüchen zersetzt. Das Bild in den älteren Handschriften zeigt eine in vier Teile zerschnittene Figur: »Freude«, »Leid«, »Ja« und »Nein« steht jeweils über einem Teil. Die Darstellung seiner Mahnung zu Beständigkeit greift ein Motiv aus dem Alten Testament auf. Der babylonische König Nebukadnezar träumt von einem viergeteilten Standbild. Der Prophet Daniel deutet den Traum als Bild der vier vergänglichen Weltreiche. Die Veränderung des Bildes im Laufe der Überlieferung ist offensichtlich. In den älteren überlieferten Handschriften wird die Figur der Unbeständigkeit mit ihrem viergeteilten Körper so dargestellt, wie es der Text beschreibt. Auch die Anspielung auf die Vier-Reiche-Lehre aus dem Alten Testament bleibt zunächst erhalten. Im Laufe der ca. 250-jährigen Überlieferungsgeschichte werden Details der Figur verändert. Zunächst wird die Figur nicht mehr in vier Teilen dargestellt, auch wenn die Beschriftung noch auf die vier Teile verweist. Dabei geht die Anspielung auf den Traum des Nebukadnezar verloren. In einigen Handschriften wird zu den Versen nur noch ein stereotyper junger Mann dargestellt und eine kleine Beischrift setzt das Bild mit dem Text in Bezug und macht es dem Betrachter verständlich.

Auch wenn es in der mittelalterlichen Schreibwerkstatt stets Bemühungen gab, beim Kopieren eines Buches das Gesamtkonzept zu wahren, verändern sich das Bild und das ganze Buch mit jeder neuen Kopie. Das Werk Thomasins bleibt durch die verschiedenen Zeiten hindurch beweglich. Es ist schlichtweg nicht möglich gewesen, das Werk über so eine lange Zeit unverändert zu kopieren. Die Maler, die Schreiber, die Auftraggeber, das Pub­likum — sie alle bestimmten das Erscheinungsbild des einzelnen Buches. So sollte jedes dieser Bücher des ›Welschen Gastes‹ als das gesehen werden, was es ist: ein ernstzunehmender Überlieferungszeuge. Ein Unikat im mittelalterlichen Prozess von ›Copy und Paste‹.

Artikel als PDF

zur Autorin

Lisa Horstmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt B06 »Materiale Präsenz des Geschriebenen und ikonographische Rezeptionspraxis in der mittelalterlichen Lehrdichtung. Text-Bild-Edition und Kommentar zum ›Welschen Gast‹ des Thomasin von Zerklaere« des SFB 933. Sie erschließt im Rahmen ihrer Dissertationsschrift den Bilderzyklus des ›Welschen Gastes‹ hinsichtlich seiner Funktionsweise und der Veränderungen in der Überlieferungsgeschichte.

Literatur

Thomasin von Zerclaere (1984–1985), Der Welsche Gast, hg. von Friedrich Wilhelm von Kries, 4 Bde. (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 425, 1–4), Göppingen.

Thomasin von Zerklaere (2004), Der Welsche Gast, ausgewählt, eingeleitet, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eva Willms, Berlin.

Ewald Vetter (1974), Der welsche Gast des Thomasîn von Zerclaere, Codex Palatinus Germanicus 389 der Universitätsbibliothek
Heidelberg
(Facsimilia Heidelbergensia 4), Wiesbaden.

Weitere Verweise

"Welscher Gast Digital" — Digitale Edition des "Welschen Gastes" mit Digitalisaten, textkritischen Anmerkungen und Abbildungssuche (SFB933 und UB Heidelberg).

Projektseite auf den Webseiten des "Heidelberger Forum Edition".

Berichte auf dem mittelalter-blog (via hypotheses.org), dem MTK-Blog (via hypotheses.org) und bei H/SOZ/KULT (Konferenzbericht).