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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
& Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

Wie kam das Wahre Kreuz nach Toulouse?

Ein beschriftetes Reliquiar erzählt eine Geschichte (1176–1198)

von Nikolas Jaspert

 
Reliquienkästchen (Details des Kastenkörpers) aus Holzkern, Kupferplatten und Grubenschmelz; ziseliert, graviert und vergoldet

(Höhe: 12,9 cm, Breite: 29,2 cm, Tiefe: 14 cm). Der abgebildete Ausschnitt zeigt die Übergabe der Reliquie. Hergestellt in Limoges; dann in der Kirche Saint-Sernin in Toulouse (Frankreich). Heute in Toulouse, Trésor de la Basilique Saint-Sernin. Datierung: Zwischen 1176 und 1198.

 
zum Autor

Nikolas Jaspert ist Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg, Präsident der Société Internationale des Historiens de la Méditerranée und Leiter des Teilprojekts A01 UP3 »Rezeption und kommunale Neuschöpfung: Die Antike in der städtischen Epigraphik des lateinischen Mittelmeerraums (11.–13. Jh.)« im SFB 933. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen der Mittelmeerraum im Mittelalter, die Geschichte der Iberischen Halbinsel und die Kreuzzüge.

 

Artikel als PDF

Vor 800 Jahren, im Jahre 1215, beschlossen die zum Vierten Laterankonzil in Rom zusammengekommenen Kirchenführer Folgendes: »Aufgrund der Tatsache, dass Leute Heiligenreliquien zum Kauf anbieten und sie überall zeigen, wird die christliche Religion oftmals verunglimpft. Damit so etwas künftig unterbleibe, bestimmen wir durch das vorliegende Dekret: […] Die Kirchenoberen sollen es künftig nicht zulassen, dass die Gläubigen, die zur Verehrung in ihre Kirchen kommen, durch frei erfundene oder falsche Dokumente getäuscht werden, wie es an sehr vielen Orten aus Gewinnsucht üblich ist«. Und weiter: »Reliquien aus alter Zeit dürfen von nun an nicht außerhalb eines Reliquiars gezeigt oder zum Kauf angeboten werden«. Dieser Bestimmung aus dem 13. Jahrhundert kann man entnehmen, dass die — behauptete oder tatsächliche — Echtheit von Reliquien im Mittelalter sowohl durch erklärende Schriften als auch durch spezielle Reliquienbehälter, also durch Reliquiare, bestätigt werden konnte. Reliquiare dienten somit der Authentifizierung und erhöhten das Vertrauen in Reliquien. Zugleich deuteten sie auf ihren Inhalt hin. Dies soll hier am Beispiel des sogenannten ›Wahren Kreuzes‹ — also des Kreuzes, an dem Christus starb — aufgezeigt werden.

Mittelalterliche Texte erzählen, dass das Kreuz von den frühen Christen in Jerusalem vergraben worden sei, wo es später die Heilige Helena (die um 330 n. Chr. verstorbene Mutter Kaiser Konstantins) aufgefunden habe. Zwischenzeitlich aufs Neue versteckt, sei es erst nach der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Jahr 1099 wiedergefunden worden. In der Folgezeit entwickelte sich das Wahre Kreuz zur Identität stiftenden Reichsreliquie, zu einem materiellen Symbol des jungen Königreichs von Jerusalem. Es wirkte aber nicht nur nach innen, sondern schuf auch Netzwerke über das Mittelmeer hinweg. Denn Teile des Kreuzes wurden in besonderen, sich auffällig ähnelnden Reliquiaren gefasst und verschenkt. Diese Ähnlichkeit der Behältnisse und ihres Bildschmucks war gewollt: Die Form des mit zwei Querbalken versehenen ›Doppelkreuzes‹ zeigte an, dass es sich hier um eine Reliquie des Wahren Kreuzes handelte. Die konkrete Gestaltung deutete auf die Herkunft aus der Werkstatt des Patriarchen von Jerusalem hin. Solche Reliquiare wurden zusammen mit besiegelten Urkunden verschickt, welche die Authentizität der Reliquie gewissermaßen ›mit Brief und Siegel‹ bestätigten.

Daneben existierten weitere Möglichkeiten, um Schrift, Reliquiar und Reliquie noch unmittelbarer miteinander in Beziehung zu setzen. Ein aufschlussreiches Beispiel hierfür befindet sich seit über 800 Jahren in Frankreich: Im Schatz der Basilika von Saint-Sernin in Toulouse wird noch heute ein Reliquienkästchen aus dem späten 12. Jahrhundert aufbewahrt. Auf dem Kastenkörper wird das visualisiert und in Text gefasst, was wir uns sonst nur vorstellen können, nämlich der Transfer einer Reliquie und ihres Behälters vom Heiligen Land nach Europa, oder die Geschichte ›Wie das Wahre Kreuz nach Toulouse kam‹. Zunächst wird die wundersame Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena gezeigt, doch die nächste Szene auf dem Kastenkörper spielt bereits im 12. Jahrhundert. Die Beschriftung erklärt das Dargestellte: Der Abt des Josaphat-Klosters in Jerusalem übergibt einem gewissen Raimundus Botardelli ein Stück des Wahren Kreuzes — Abbas de Iosaphat de cruce dat Raimundo Botardelli. Auf der nächsten Abbildung sehen wir eine hervorragende Darstellung mittelalterlicher Seefahrt. Der Text verrät: Gezeigt wird die Einschiffung Raimunds mit der Reliquie nach Europa — Hi(c) intrat mare. Dort angekommen, übergibt der Jerusalemfahrer seinen Schatz einem Abt, und der Text lässt uns wissen, dass es sich um Abt Pontius handelt — Hi(c) da(t) abbati Poncio. Diese Angabe hilft bei der Datierung des Vorgangs, denn ein gewisser Pons de Montpezat war von 1176–1198 regierender Abt des Klosters Saint-Sernin in Toulouse. In seine Amtszeit fällt also die auf dem Kästchen dargestellte Reliquienüberführung. Der eigentliche Empfänger der wertvollen Schenkung ist aber nicht der Abt, sondern Saturninus selbst, der Heilige, dessen Gebeine in Saint-Sernin verehrt wurden und dem das Kloster geweiht war. Denn zuletzt sehen wir den knienden Abt im Kreise seiner Kanoniker, wie er dem Heiligen das Kreuz übergibt — canonici abbate offer(unt) crucem Saturnino. So erhält man bei der Betrachtung — und bei der Lektüre — des Reliquiars unmittelbare Einsicht in den Reiseweg der Reliquie von Jerusalem über das Meer nach Toulouse.

Was aber entrichteten die Empfänger zum Dank? Vielleicht Geld für das Josaphat-Kloster? Auch hierzu liefert die Beschriftung auf dem Reliquiar einen Hinweis. In der hier abgebildeten Übergabeszene nämlich händigt der Tolosaner Raimund dem Schenker ein Schriftstück aus, auf dem oremus (»lasset uns beten«) steht. Vielleicht war dies lediglich eine Aufforderung zur Verehrung. Wahrscheinlicher aber handelt es sich um einen Hinweis auf eine von dem Beschenkten zugesagte Gegenleistung, denn wir wissen, dass andere religiöse Gemeinschaften, die solch eine Reliquie des Wahren Kreuzes empfingen, im Gegenzug versprachen, für alle Zeiten zum Wohle der Jerusalemer Schenker zu beten. Das bedeutet: Reliquienversendungen schufen nicht nur kurzzeitige Verbindungen zwischen einer schenkenden Person und dem von ihr beschenkten Individuum, sondern begründeten auch wechselseitige, dynamische und dauerhafte Fernbeziehungen zwischen Institutionen. Gerade dieses erweiterte Beziehungsgeflecht über das Mittelmeer hinweg aber deckt erst die Schrift auf. Wie könnte man knapper und besser die gegenseitige Verpflichtung zum Gebet zum Ausdruck bringen als durch die angedeutete Urkunde mit der Aufschrift oremus?

Das Reliquienkästchen aus Toulouse ist ein herausragendes Zeugnis für überregionale Verbindungen im Hochmittelalter. Es zeigt und erklärt durch seine Beschriftung, wie im 12. Jahrhundert über das Mittelmeer hinweg Netzwerke errichtet wurden — materielle Netzwerke durch die Versendung von Reliquien, persönliche Netzwerke durch die Fahrt eines Klerikers nach Jerusalem sowie schließlich spirituelle und institutionelle Netzwerke durch das über die Lebensdauer der Akteure hinweg für alle Zeiten festgeschriebene gegenseitige Gebet.

 

 
Literatur

Bauer, Dieter R. / Herbers, Klaus / Jaspert, Nikolas (Hgg.) (2001), Jerusalem im Hoch- und Spätmittelalter. Konflikte und Konfliktbewältigung – Vorstellungen und Vergegenwärtigungen (Historische Studien 29), Frankfurt a. M.

Kotzur, Hans-Jürgen / Klein, Brigitte (Hgg.) (2004), Die Kreuzzüge. Kein Krieg ist heilig (Katalog-Handbuch zur Ausstellung im Diözesanmuseum Mainz), Mainz.

Reudenbach, Bruno / Toussaint, Gia (2011), Reliquiare im Mittelalter (Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte 5), Berlin.

Toussaint, Gia (2011), Kreuz und Knochen: Reliquien zur Zeit der Kreuzzüge, Berlin.

Weitere Verweise

Den vollständigen Vortrag zum Wahren Kreuz von Toulouse, den Herr Professor Jaspert 2015 in der Peterskirche gehalten hat, finden Sie hier.

"2000 Jahre Toulouse - 2000 Bilder" und einen Datenbankeintrag zum beschrifteten Reliquiar finden Sie in französicher Sprache hier.

Weitere Artikel von Nikolas Jaspert zu den Themen Reliquienverehrung und Jerusalem, Heiligkreuzverehrung und Gebetsverbrüderung mit Jerusalem
sind auf den Seiten der Universitätsbibliothek öffentlich zugänglich.

Abbildungshinweis

Titelbild: Kotzur, Hans-Jürgen/Klein, Brigitte (Hgg.) (2004), Die Kreuzzüge – kein Krieg ist heilig (Katalog-Handbuch zur Ausstellung im Diözesanmuseum Mainz), Mainz, 220–221.

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

Wie kam das Wahre Kreuz nach Toulouse?

Ein beschriftetes Reliquiar erzählt eine Geschichte (1176–1198)

von Nikolas Jaspert

Reliquienkästchen (Details des Kastenkörpers) aus Holzkern, Kupferplatten und Grubenschmelz; ziseliert, graviert und vergoldet

(Höhe: 12,9 cm, Breite: 29,2 cm, Tiefe: 14 cm). Der abgebildete Ausschnitt zeigt die Übergabe der Reliquie. Hergestellt in Limoges; dann in der Kirche Saint-Sernin in Toulouse (Frankreich). Heute in Toulouse, Trésor de la Basilique Saint-Sernin. Datierung: Zwischen 1176 und 1198.

Titelbild: Kotzur, Hans-Jürgen/Klein, Brigitte (Hgg.) (2004), Die Kreuzzüge – kein Krieg ist heilig (Katalog-Handbuch zur Ausstellung im Diözesanmuseum Mainz), Mainz, 220–221.

Vor 800 Jahren, im Jahre 1215, beschlossen die zum Vierten Laterankonzil in Rom zusammengekommenen Kirchenführer Folgendes: »Aufgrund der Tatsache, dass Leute Heiligenreliquien zum Kauf anbieten und sie überall zeigen, wird die christliche Religion oftmals verunglimpft. Damit so etwas künftig unterbleibe, bestimmen wir durch das vorliegende Dekret: […] Die Kirchenoberen sollen es künftig nicht zulassen, dass die Gläubigen, die zur Verehrung in ihre Kirchen kommen, durch frei erfundene oder falsche Dokumente getäuscht werden, wie es an sehr vielen Orten aus Gewinnsucht üblich ist«. Und weiter: »Reliquien aus alter Zeit dürfen von nun an nicht außerhalb eines Reliquiars gezeigt oder zum Kauf angeboten werden«. Dieser Bestimmung aus dem 13. Jahrhundert kann man entnehmen, dass die — behauptete oder tatsächliche — Echtheit von Reliquien im Mittelalter sowohl durch erklärende Schriften als auch durch spezielle Reliquienbehälter, also durch Reliquiare, bestätigt werden konnte. Reliquiare dienten somit der Authentifizierung und erhöhten das Vertrauen in Reliquien. Zugleich deuteten sie auf ihren Inhalt hin. Dies soll hier am Beispiel des sogenannten ›Wahren Kreuzes‹ — also des Kreuzes, an dem Christus starb — aufgezeigt werden.

Mittelalterliche Texte erzählen, dass das Kreuz von den frühen Christen in Jerusalem vergraben worden sei, wo es später die Heilige Helena (die um 330 n. Chr. verstorbene Mutter Kaiser Konstantins) aufgefunden habe. Zwischenzeitlich aufs Neue versteckt, sei es erst nach der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Jahr 1099 wiedergefunden worden. In der Folgezeit entwickelte sich das Wahre Kreuz zur Identität stiftenden Reichsreliquie, zu einem materiellen Symbol des jungen Königreichs von Jerusalem. Es wirkte aber nicht nur nach innen, sondern schuf auch Netzwerke über das Mittelmeer hinweg. Denn Teile des Kreuzes wurden in besonderen, sich auffällig ähnelnden Reliquiaren gefasst und verschenkt. Diese Ähnlichkeit der Behältnisse und ihres Bildschmucks war gewollt: Die Form des mit zwei Querbalken versehenen ›Doppelkreuzes‹ zeigte an, dass es sich hier um eine Reliquie des Wahren Kreuzes handelte. Die konkrete Gestaltung deutete auf die Herkunft aus der Werkstatt des Patriarchen von Jerusalem hin. Solche Reliquiare wurden zusammen mit besiegelten Urkunden verschickt, welche die Authentizität der Reliquie gewissermaßen ›mit Brief und Siegel‹ bestätigten.

Daneben existierten weitere Möglichkeiten, um Schrift, Reliquiar und Reliquie noch unmittelbarer miteinander in Beziehung zu setzen. Ein aufschlussreiches Beispiel hierfür befindet sich seit über 800 Jahren in Frankreich: Im Schatz der Basilika von Saint-Sernin in Toulouse wird noch heute ein Reliquienkästchen aus dem späten 12. Jahrhundert aufbewahrt. Auf dem Kastenkörper wird das visualisiert und in Text gefasst, was wir uns sonst nur vorstellen können, nämlich der Transfer einer Reliquie und ihres Behälters vom Heiligen Land nach Europa, oder die Geschichte ›Wie das Wahre Kreuz nach Toulouse kam‹. Zunächst wird die wundersame Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena gezeigt, doch die nächste Szene auf dem Kastenkörper spielt bereits im 12. Jahrhundert. Die Beschriftung erklärt das Dargestellte: Der Abt des Josaphat-Klosters in Jerusalem übergibt einem gewissen Raimundus Botardelli ein Stück des Wahren Kreuzes — Abbas de Iosaphat de cruce dat Raimundo Botardelli. Auf der nächsten Abbildung sehen wir eine hervorragende Darstellung mittelalterlicher Seefahrt. Der Text verrät: Gezeigt wird die Einschiffung Raimunds mit der Reliquie nach Europa — Hi(c) intrat mare. Dort angekommen, übergibt der Jerusalemfahrer seinen Schatz einem Abt, und der Text lässt uns wissen, dass es sich um Abt Pontius handelt — Hi(c) da(t) abbati Poncio. Diese Angabe hilft bei der Datierung des Vorgangs, denn ein gewisser Pons de Montpezat war von 1176–1198 regierender Abt des Klosters Saint-Sernin in Toulouse. In seine Amtszeit fällt also die auf dem Kästchen dargestellte Reliquienüberführung. Der eigentliche Empfänger der wertvollen Schenkung ist aber nicht der Abt, sondern Saturninus selbst, der Heilige, dessen Gebeine in Saint-Sernin verehrt wurden und dem das Kloster geweiht war. Denn zuletzt sehen wir den knienden Abt im Kreise seiner Kanoniker, wie er dem Heiligen das Kreuz übergibt — canonici abbate offer(unt) crucem Saturnino. So erhält man bei der Betrachtung — und bei der Lektüre — des Reliquiars unmittelbare Einsicht in den Reiseweg der Reliquie von Jerusalem über das Meer nach Toulouse.

Was aber entrichteten die Empfänger zum Dank? Vielleicht Geld für das Josaphat-Kloster? Auch hierzu liefert die Beschriftung auf dem Reliquiar einen Hinweis. In der hier abgebildeten Übergabeszene nämlich händigt der Tolosaner Raimund dem Schenker ein Schriftstück aus, auf dem oremus (»lasset uns beten«) steht. Vielleicht war dies lediglich eine Aufforderung zur Verehrung. Wahrscheinlicher aber handelt es sich um einen Hinweis auf eine von dem Beschenkten zugesagte Gegenleistung, denn wir wissen, dass andere religiöse Gemeinschaften, die solch eine Reliquie des Wahren Kreuzes empfingen, im Gegenzug versprachen, für alle Zeiten zum Wohle der Jerusalemer Schenker zu beten. Das bedeutet: Reliquienversendungen schufen nicht nur kurzzeitige Verbindungen zwischen einer schenkenden Person und dem von ihr beschenkten Individuum, sondern begründeten auch wechselseitige, dynamische und dauerhafte Fernbeziehungen zwischen Institutionen. Gerade dieses erweiterte Beziehungsgeflecht über das Mittelmeer hinweg aber deckt erst die Schrift auf. Wie könnte man knapper und besser die gegenseitige Verpflichtung zum Gebet zum Ausdruck bringen als durch die angedeutete Urkunde mit der Aufschrift oremus?

Das Reliquienkästchen aus Toulouse ist ein herausragendes Zeugnis für überregionale Verbindungen im Hochmittelalter. Es zeigt und erklärt durch seine Beschriftung, wie im 12. Jahrhundert über das Mittelmeer hinweg Netzwerke errichtet wurden — materielle Netzwerke durch die Versendung von Reliquien, persönliche Netzwerke durch die Fahrt eines Klerikers nach Jerusalem sowie schließlich spirituelle und institutionelle Netzwerke durch das über die Lebensdauer der Akteure hinweg für alle Zeiten festgeschriebene gegenseitige Gebet.

Artikel als PDF

zum Autor

Nikolas Jaspert ist Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg, Präsident der Société Internationale des Historiens de la Méditerranée und Leiter des Teilprojekts A01 UP3 »Rezeption und kommunale Neuschöpfung: Die Antike in der städtischen Epigraphik des lateinischen Mittelmeerraums (11.–13. Jh.)« im SFB 933. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen der Mittelmeerraum im Mittelalter, die Geschichte der Iberischen Halbinsel und die Kreuzzüge.

Literatur

Bauer, Dieter R. / Herbers, Klaus / Jaspert, Nikolas (Hgg.) (2001), Jerusalem im Hoch- und Spätmittelalter. Konflikte und Konfliktbewältigung – Vorstellungen und Vergegenwärtigungen (Historische Studien 29), Frankfurt a. M.

Kotzur, Hans-Jürgen / Klein, Brigitte (Hgg.) (2004), Die Kreuzzüge. Kein Krieg ist heilig (Katalog-Handbuch zur Ausstellung im Diözesanmuseum Mainz), Mainz.

Reudenbach, Bruno / Toussaint, Gia (2011), Reliquiare im Mittelalter (Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte 5), Berlin.

Toussaint, Gia (2011), Kreuz und Knochen: Reliquien zur Zeit der Kreuzzüge, Berlin.

Weitere Verweise

Den vollständigen Vortrag zum Wahren Kreuz von Toulouse, den Herr Professor Jaspert 2015 in der Peterskirche gehalten hat, finden Sie hier.

"2000 Jahre Toulouse - 2000 Bilder" und einen Datenbankeintrag zum beschrifteten Reliquiar finden Sie in französicher Sprache hier.

Weitere Artikel von Nikolas Jaspert zu den Themen Reliquienverehrung und Jerusalem, Heiligkreuzverehrung und Gebetsverbrüderung mit Jerusalem
sind auf den Seiten der Universitätsbibliothek öffentlich zugänglich.