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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
& Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

Der Berliner Leutchar-Codex

Ein ›Geburtsdokument‹ unserer heutigen Schrift (um 765 n. Chr.)

von Tino Licht

 
Pergamenthandschrift (hier fol. 1v; Höhe: 32 cm, Breite: 21 cm) mit einer Abschrift des Hiob-Kommentars (Moralia in Hiob), von Papst Gregor d. Gr. (590–604)

Sie ist das älteste datierbare Schriftbeispiel der karolingischen Minuskel. Hergestellt im Kloster Corbie (Frankreich). Heute aufbewahrt in Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (Theol. lat. fol. 354). Datierung: um 765 n. Chr.

 
zum Autor

Tino Licht ist Privatdozent und Leiter der Abteilung für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Im SFB 933 leitet er das Teilprojekt A08 »Reliquienauthentiken. Forschungen zur Materialität und Präsenz einer ausgesparten Sonderform frühmittelalterlicher Schriftlichkeit«.

 

Artikel als PDF

Dass Karl der Große, fränkischer König und Kaiser von 768 bis 814, die Herausbildung unserer heutigen Schrift veranlasst habe, hört man immer wieder und liest es sogar in seriösen und aktuellen wissenschaftlichen Publikationen. Was stimmt an dieser Aussage? Richtig ist, dass eine zur Zeit Karls des Großen verwendete Schriftform zu unserer Schrift geworden ist. Sie ist es geworden, weil aus der Karolingerzeit, das heißt aus dem ausgehenden 8. und dem gesamten 9. Jahrhundert, zahlreiche Handschriften in sehr guter Qualität auf dem haltbaren Beschreibstoff Pergament und oftmals mit antikem Inhalt erhalten geblieben sind. Jahrhunderte später, als am Ende des Mittelalters der Humanismus aufkam und es noch keine Lehre von den alten Schriften, also noch keine ›Paläographie‹ gab, wurde dieser antike Inhalt der Manuskripte zum Indiz für das (vermeintliche) Alter der darin verwendeten Schrift. Die italienischen Humanisten begaben sich vor allem im 15. Jahrhundert auf die Suche nach den Werken der griechischen und römischen Autoren. Nördlich der Alpen, in den Bibliotheken der Klöster, wurden sie fündig und waren derart überzeugt davon, dass die von ihnen entdeckten Handschriften bereits in der Antike entstanden waren, dass sie die darin verwendete Schrift zu ihrer eigenen machten. Was sie imitierten, nennen wir heute ›karolingische Minuskel‹ (›Minuskel‹ heißt Schrift im Vierliniensystem, was unseren Kleinbuchstaben entspricht); die Imitation bezeichnen wir als ›humanistische Minuskel‹.

Der weltweite Erfolg der karolingischen Minuskel — in Gestalt ihrer humanistischen Imitation — hing dann mit dem Buchdruck zusammen. In der Druckerwerkstatt des Aldus Manutius (gestorben 1515) in Venedig, einem der bedeutendsten Druckhäuser in Europa, wurde für lateinische Texte — egal ob sie nun alt oder neu waren — eine Drucktype verwendet, welche die Buchstabenformen der humanistischen Minuskel wiedergab. Weil man noch immer vom hohen Alter dieser Schrift, ja von ihrem Ursprung in der Antike überzeugt war, nannte man sie ›Antiqua‹. Aldus Manutius und seine Druckerei waren so berühmt und wirkungsvoll, dass sie einen Standard für die Wiedergabe lateinischer Texte im Buchdruck setzten. Die Antiqua wurde die unangefochtene Drucktype für alles Lateinische. In den Volksprachen galten hingegen zum Teil andere Drucktypen. Deutsche Texte wurden beispielsweise über lange Zeit, bis zur Abschaffung dieser Form im Dritten Reich, in ›Fraktur‹ gedruckt. Gehalten und durchgesetzt hat sich in diesem langen Prozess bis in die heutige Zeit jedoch die Antiqua, die Type unseres heutigen (Computer‑)Drucks, für die wir aus den Schriftangeboten der Textprogramme viele, oft phantasievolle Namen wie ›Times New Roman‹ kennen.

Wie aber hat man sich nun den Anfang der von uns besprochenen Schriftform in der Karolingerzeit vorzustellen? Karl der Große hat ja bis ins hohe Alter seine Hand nicht an das Formen von Buchstaben gewöhnen können, hat das Schreiben nie erlernt. Können wir wirklich von einer »neuen klaren und harmonischen, unter dem Herrscher geschaffenen Schrift« (Charlotte Denoël) sprechen? Der Weg, der sich hierfür zurückverfolgen lässt, führt in die Zeit vor Karl dem Großen und in ganz andere Verhältnisse als bei Hofe, nämlich in die Schreibschule des nordfranzösischen Klosters Corbie. Es ist ein Zeugnis aufgetaucht, an dem sich die Entwicklung der karolingischen Minuskel schon in der Mitte des 8. Jahrhunderts aufzeigen lässt. In dieser Handschrift ist die karolingische Minuskel nicht die Hauptschrift, sondern bildet nur einen Einschub. Hauptschrift ist die ›Halbunziale‹, eine Schrift, die seit der Spätantike existierte. Von dieser Halbunziale bildete sich im 8. Jahrhundert in Corbie ein markanter Sondertyp heraus, der sogenannte ›Leutchar-Typ‹. Handschriften in dieser Halbunziale sind selten. Erhalten haben sich nur drei, wobei sich zwei davon bis in die Abmessung und Initialenkunst hinein gleichen. Sie sind, obwohl sie unterschiedliche Texte enthalten, eine Art ›kodikologische Zwillinge‹. Eine davon wird heute in Berlin, die andere in St. Petersburg aufbewahrt. Die St. Petersburger Handschrift ermöglicht die Datierung und Lokalisierung beider Handschriften, denn dort ist der Auftraggeber genannt: Leutcharius abba iussit fieri (›Abt Leutchar hat sie anfertigen lassen‹). Die Handschriften entstanden also in Corbie unter einem Abt namens Leutchar, der längstens bis 769, mit Sicherheit aber im Jahr 762 Abt in dem alten Königskloster war. In dem Berliner Codex ist nun die Halbunziale auf zwei Seiten von einer karolingischen Minuskel unterbrochen worden, ohne dass diese Schrift auf Rasur (d. h. auf einem ausradierten früheren Text) steht und ohne dass die Seitengrenzen Übergangsprobleme signalisieren würden. Wir haben es also mit einem experimentellen Wechsel mitten im Schreibprozess zu tun. Die neue Schrift wurde ausprobiert oder vorgezeigt. Auf den Seiten danach ist man wieder zur ursprünglichen Schrift, also zur Halbunziale, zurückgekehrt. Wir stehen bei vorsichtiger Datierung in den 760er Jahren, möglicherweise sogar im Jahrzehnt davor. Das ist ein erheblich früheres Auftauchen der karolingischen Minuskel, als man bislang geglaubt hatte. Bevor Karl der Große gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann im Jahr 768 die Herrschaft über das Frankenreich übernahm und im Jahr 772 Alleinherrscher wurde, existierte die karolingische Minuskel also mit Sicherheit schon und wurde im nordfranzösischen Kloster Corbie geschrieben.

Hauptmerkmal der Schrift ist es, dass die Buchstaben ›a‹, ›g‹ und ›n‹ mehrheitlich die uns vertraute Form bekommen haben. Das Wort agendum in der zehnten Zeile (linke Spalte) des abgebildeten Manuskripts kann man heute genauso leicht lesen wie vor 1250 Jahren. Der Grund liegt in dem oben angesprochenen historischen Missverständnis der Humanisten, welche die karolingische Minuskel für antik hielten und aus Versehen einer ganz und gar mittelalterlichen Schrift den Weg zur modernen Weltschrift der lateinischen Buchstaben ebneten.

 

 
Literatur

Becker, Julia / Licht, Tino (2016), Karolingische Schriftkultur. Aus der Blütezeit des Lorscher Skriptoriums, Regensburg, Tafel 6.

Licht, Tino (2012), »Die älteste karolingische Minuskel«, in: Mittellateinisches Jahrbuch 47, 337–346.

Weitere Verweise

Einen ausführlichen Artikel des Autors zur ältesten karolingischen Minuskel finden Sie hier. Auch das Kulturradio vom RBB hat Interesse an diesem Thema gezeigt und Tino Licht dazu befragt.

Abbildungshinweis

Titelbild: Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Theol. lat. fol. 354.

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

Der Berliner Leutchar-Codex

Ein ›Geburtsdokument‹ unserer heutigen Schrift (um 765 n. Chr.)

von Tino Licht

Pergamenthandschrift (hier fol. 1v; Höhe: 32 cm, Breite: 21 cm) mit einer Abschrift des Hiob-Kommentars (Moralia in Hiob), von Papst Gregor d. Gr. (590–604)

Sie ist das älteste datierbare Schriftbeispiel der karolingischen Minuskel. Hergestellt im Kloster Corbie (Frankreich). Heute aufbewahrt in Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (Theol. lat. fol. 354). Datierung: um 765 n. Chr.

Titelbild: Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Theol. lat. fol. 354.

Dass Karl der Große, fränkischer König und Kaiser von 768 bis 814, die Herausbildung unserer heutigen Schrift veranlasst habe, hört man immer wieder und liest es sogar in seriösen und aktuellen wissenschaftlichen Publikationen. Was stimmt an dieser Aussage? Richtig ist, dass eine zur Zeit Karls des Großen verwendete Schriftform zu unserer Schrift geworden ist. Sie ist es geworden, weil aus der Karolingerzeit, das heißt aus dem ausgehenden 8. und dem gesamten 9. Jahrhundert, zahlreiche Handschriften in sehr guter Qualität auf dem haltbaren Beschreibstoff Pergament und oftmals mit antikem Inhalt erhalten geblieben sind. Jahrhunderte später, als am Ende des Mittelalters der Humanismus aufkam und es noch keine Lehre von den alten Schriften, also noch keine ›Paläographie‹ gab, wurde dieser antike Inhalt der Manuskripte zum Indiz für das (vermeintliche) Alter der darin verwendeten Schrift. Die italienischen Humanisten begaben sich vor allem im 15. Jahrhundert auf die Suche nach den Werken der griechischen und römischen Autoren. Nördlich der Alpen, in den Bibliotheken der Klöster, wurden sie fündig und waren derart überzeugt davon, dass die von ihnen entdeckten Handschriften bereits in der Antike entstanden waren, dass sie die darin verwendete Schrift zu ihrer eigenen machten. Was sie imitierten, nennen wir heute ›karolingische Minuskel‹ (›Minuskel‹ heißt Schrift im Vierliniensystem, was unseren Kleinbuchstaben entspricht); die Imitation bezeichnen wir als ›humanistische Minuskel‹.

Der weltweite Erfolg der karolingischen Minuskel — in Gestalt ihrer humanistischen Imitation — hing dann mit dem Buchdruck zusammen. In der Druckerwerkstatt des Aldus Manutius (gestorben 1515) in Venedig, einem der bedeutendsten Druckhäuser in Europa, wurde für lateinische Texte — egal ob sie nun alt oder neu waren — eine Drucktype verwendet, welche die Buchstabenformen der humanistischen Minuskel wiedergab. Weil man noch immer vom hohen Alter dieser Schrift, ja von ihrem Ursprung in der Antike überzeugt war, nannte man sie ›Antiqua‹. Aldus Manutius und seine Druckerei waren so berühmt und wirkungsvoll, dass sie einen Standard für die Wiedergabe lateinischer Texte im Buchdruck setzten. Die Antiqua wurde die unangefochtene Drucktype für alles Lateinische. In den Volksprachen galten hingegen zum Teil andere Drucktypen. Deutsche Texte wurden beispielsweise über lange Zeit, bis zur Abschaffung dieser Form im Dritten Reich, in ›Fraktur‹ gedruckt. Gehalten und durchgesetzt hat sich in diesem langen Prozess bis in die heutige Zeit jedoch die Antiqua, die Type unseres heutigen (Computer‑)Drucks, für die wir aus den Schriftangeboten der Textprogramme viele, oft phantasievolle Namen wie ›Times New Roman‹ kennen.

Wie aber hat man sich nun den Anfang der von uns besprochenen Schriftform in der Karolingerzeit vorzustellen? Karl der Große hat ja bis ins hohe Alter seine Hand nicht an das Formen von Buchstaben gewöhnen können, hat das Schreiben nie erlernt. Können wir wirklich von einer »neuen klaren und harmonischen, unter dem Herrscher geschaffenen Schrift« (Charlotte Denoël) sprechen? Der Weg, der sich hierfür zurückverfolgen lässt, führt in die Zeit vor Karl dem Großen und in ganz andere Verhältnisse als bei Hofe, nämlich in die Schreibschule des nordfranzösischen Klosters Corbie. Es ist ein Zeugnis aufgetaucht, an dem sich die Entwicklung der karolingischen Minuskel schon in der Mitte des 8. Jahrhunderts aufzeigen lässt. In dieser Handschrift ist die karolingische Minuskel nicht die Hauptschrift, sondern bildet nur einen Einschub. Hauptschrift ist die ›Halbunziale‹, eine Schrift, die seit der Spätantike existierte. Von dieser Halbunziale bildete sich im 8. Jahrhundert in Corbie ein markanter Sondertyp heraus, der sogenannte ›Leutchar-Typ‹. Handschriften in dieser Halbunziale sind selten. Erhalten haben sich nur drei, wobei sich zwei davon bis in die Abmessung und Initialenkunst hinein gleichen. Sie sind, obwohl sie unterschiedliche Texte enthalten, eine Art ›kodikologische Zwillinge‹. Eine davon wird heute in Berlin, die andere in St. Petersburg aufbewahrt. Die St. Petersburger Handschrift ermöglicht die Datierung und Lokalisierung beider Handschriften, denn dort ist der Auftraggeber genannt: Leutcharius abba iussit fieri (›Abt Leutchar hat sie anfertigen lassen‹). Die Handschriften entstanden also in Corbie unter einem Abt namens Leutchar, der längstens bis 769, mit Sicherheit aber im Jahr 762 Abt in dem alten Königskloster war. In dem Berliner Codex ist nun die Halbunziale auf zwei Seiten von einer karolingischen Minuskel unterbrochen worden, ohne dass diese Schrift auf Rasur (d. h. auf einem ausradierten früheren Text) steht und ohne dass die Seitengrenzen Übergangsprobleme signalisieren würden. Wir haben es also mit einem experimentellen Wechsel mitten im Schreibprozess zu tun. Die neue Schrift wurde ausprobiert oder vorgezeigt. Auf den Seiten danach ist man wieder zur ursprünglichen Schrift, also zur Halbunziale, zurückgekehrt. Wir stehen bei vorsichtiger Datierung in den 760er Jahren, möglicherweise sogar im Jahrzehnt davor. Das ist ein erheblich früheres Auftauchen der karolingischen Minuskel, als man bislang geglaubt hatte. Bevor Karl der Große gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann im Jahr 768 die Herrschaft über das Frankenreich übernahm und im Jahr 772 Alleinherrscher wurde, existierte die karolingische Minuskel also mit Sicherheit schon und wurde im nordfranzösischen Kloster Corbie geschrieben.

Hauptmerkmal der Schrift ist es, dass die Buchstaben ›a‹, ›g‹ und ›n‹ mehrheitlich die uns vertraute Form bekommen haben. Das Wort agendum in der zehnten Zeile (linke Spalte) des abgebildeten Manuskripts kann man heute genauso leicht lesen wie vor 1250 Jahren. Der Grund liegt in dem oben angesprochenen historischen Missverständnis der Humanisten, welche die karolingische Minuskel für antik hielten und aus Versehen einer ganz und gar mittelalterlichen Schrift den Weg zur modernen Weltschrift der lateinischen Buchstaben ebneten.

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zum Autor

Tino Licht ist Privatdozent und Leiter der Abteilung für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Im SFB 933 leitet er das Teilprojekt A08 »Reliquienauthentiken. Forschungen zur Materialität und Präsenz einer ausgesparten Sonderform frühmittelalterlicher Schriftlichkeit«.

Literatur

Becker, Julia / Licht, Tino (2016), Karolingische Schriftkultur. Aus der Blütezeit des Lorscher Skriptoriums, Regensburg, Tafel 6.

Licht, Tino (2012), »Die älteste karolingische Minuskel«, in: Mittellateinisches Jahrbuch 47, 337–346.

Weitere Verweise

Einen ausführlichen Artikel des Autors zur ältesten karolingischen Minuskel finden Sie hier. Auch das Kulturradio vom RBB hat Interesse an diesem Thema gezeigt und Tino Licht dazu befragt.