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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
& Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

Schrift auf fantastischen Gräbern im Mittelalter

Eine kafkaeske Lektüre (um 1260)

von Ludger Lieb

 
Die Handschrift Codex Sangallensis 857

(Höhe: ca. 31 cm, Breite: 21,5 cm, Pergament) ist eine der wertvollsten Handschriften des Mittelalters und enthält neben dem »Nibelungenlied« weitere bedeutende  Werke der deutschen höfischen Literatur, vor allem auch den »Parzival« und den »Willehalm«  Wolframs von Eschenbach.

 
Zu sehen ist die Rückseite von Blatt 34 (fol. 34v) aus dem »Parzival«-Teil. Hier erzählt der Knappe Tampanis vom Tod seines Herren Gahmuret (Parzivals Vater). In der linken Spalte ab der 17. Zeile von unten (»mit golde wart […]«) beschreibt Tampanis das fantastische Grabmal Gahmurets, das im Orient von den Muslimen für diesen christlichen Ritter errichtet wurde. Ab der 12. Zeile der rechten Spalte beschreibt er das »Epitaphivm«, das in seinen Helm aus Diamant (»adamas«) eingeritzt (»gegraben«) wurde. Die Grabinschrift ist wörtlich in der 16. Zeile von oben (»dvrch disen helm […]«) bis zur 14. Zeile von unten (»[…] nv ­wnschet im heiles der hie ligt«) wiedergegeben. Heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen (Codex Sangallensis 857). Datierung: um 1260.
zum Autor

Ludger Lieb ist Professor für Mediävistik am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg, Sprecher des SFB 933 und Teilprojektleiter des Teilprojekts C05 »Inschriftlichkeit. Reflexionen materialer Textkultur in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts«. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Höfische Epik des hohen Mittelalters, Liebesdichtung sowie Metatexte und Inschriften.

 

Artikel als PDF

Mit Schrift endet das Leben. Steinerne oder metallene Buchstaben, eingemeißelt, eingegraben oder aufgesetzt, halten das zu Ende gegangene Leben eines Menschen öffentlich fest, geben für die Ewigkeit (oder für ein, zwei Jahrzehnte) an, wessen Überreste dort im Grabe zur Ruhe gekommen sind. Hic iacet …, so lautet die alte lateinische Formel, »Hier ruht …«. Grabinschriften gehören zu den leisen, aber sehr weit verbreiteten Selbstverständlichkeiten des christlich-jüdischen Abendlands. Und wie bei allem, was selbstverständlich erscheint, tun sich auch bei der Grabinschrift Abgründe auf, wenn man beginnt nachzufragen. Solche Fragen sind das Metier der Literatur. Das war schon in der Antike und im Mittelalter so und ist es auch in der Moderne. Franz Kafka hat das in einer kurzen Erzählung (»Ein Traum«) von 1920 meisterhaft getan:

»Josef K. träumte: Es war ein schöner Tag, und K. wollte spazierengehen. Kaum aber hatte er zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. […] Zwei Männer standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen Grabstein in der Luft; kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in die Erde, und er stand wie festgemauert. Sofort trat aus einem Gebüsch ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. […] in der Hand hielt er einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen Figuren in der Luft beschrieb. […] Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: ›Hier ruht –‹ […] Endlich verstand ihn K. […]; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen Widerstand leistete; Während er aber unten, schon von der undurchdringlichen Tiefe aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den Stein. Entzückt von diesem Anblick erwachte er.«

Gewöhnlich ist eine Grabinschrift nicht für den bestimmt, der im Grab liegt. Sie wird nicht von dem gelesen, auf den die Inschrift sich bezieht, sondern von denen, die noch leben. Daher muss sich Josef K. auch schleunigst ins Grab legen und tot sein, damit alles seine ›entzückende‹ Ordnung hat. Im mittelhochdeutschen »Prosa-Lancelot«, einem Artusroman aus dem 13. Jahrhundert, passiert etwas ähnlich Unwahrscheinliches: Lancelot findet in einem Burggarten die Gräber der Artusritter, der toten wie auch derjenigen, die noch leben. Darunter ist auch sein eigenes Grab. Und von der Grabinschrift auf seinem Grab erfährt er auch zum ersten Mal, wie er heißt und wer seine Eltern sind:

In disem grab sol Lancelot ligen von dem Lacke, des kóniges Banes son von Bonewig und Alenen synes wibes

»In diesem Grab wird Lanzelot vom See liegen, der Sohn des Königs Ban von Bonewig und seiner Frau Alene«

Eine unbekannte, unverfügbare Macht scheint zu walten, die alles von hinten her, vom Tode her bestimmt. Wie im Buch des Lebens, das alle Gerechten schriftlich verzeichnet, so hat auch hier schon jemand schriftlich in Stein gemeißelt, was am Ende gelten und wahr sein soll und was schon gewusst wurde, bevor der Mensch selbst seiner gewahr wird. Die literarische Reflexion stellt Fragen nach dem, was unser Leben bestimmt.

Gewöhnlich glaubt man dem, was in Stein gemeißelt ist. Doch wer garantiert eigentlich diese Übereinstimmung zwischen Textaussage und Wirklichkeit? Schon Josef K. musste in seinem Traum durch eigenes Zutun quasi die Zuverlässigkeit der Schrift allererst herstellen. In der mittelalterlichen Literatur finden sich nicht selten ähnliche In-Frage-Stellungen der Zuverlässigkeit von Schrift. Ein herausragendes Beispiel ist das Grabmal Blanscheflurs in Konrad Flecks ›Flore­roman‹ von 1220. Nachdem Flores königliche (und nicht christliche) Eltern das Liebespaar Flore und Blanscheflur aus dynastischen Erwägungen getrennt haben, indem sie Flore an einen anderen Hof schickten, verkaufen sie die Christentochter Blanscheflur in die Fremde. Als Flore an den Hof der Eltern zurückkommt, suggerieren die Eltern, dass Blanscheflur gestorben sei: Ein riesiges Grabmal mit aufwändiger Automatentechnik gibt davon Zeugnis und die Inschrift überzeugt Flore tatsächlich vom Tod seiner Geliebten:

man sach gehouwen buochstaben / al umbe des grabes ort. / alsus sprâchen diu wort: / ›hie lît Blanscheflûr diu guote, / die Flôre minnte in sînem muote, / und sî in ze gelîcher wîs. / sî was sîn friunt, er ir âmîs‹.

»Man sah ringsherum um das Grab eingemeißelte Buchstaben. Folgendermaßen sprachen die Wörter: ›Hier liegt die gute Blanscheflur, die Flore von Herzen liebte und sie ihn gleichermaßen. Sie war seine Freundin, er ihr Geliebter‹.«

Flore glaubt diesen ›fake news‹. Er lässt sich von der steinernen Macht der Evidenz blenden. Doch anders als der Vater hoffte, lässt Flore deswegen nicht von dieser Liebe ab, sondern versucht sich mit seinem Griffel (mit dem er und Blanscheflur sich früher Liebesbriefe schrieben!) zu erstechen. Die lügende Schrift ›tötet‹ auf diese Weise nicht nur fiktiv Blanscheflur, sondern fast und tatsächlich auch Flore. Literarisch reflektiert wird hier die Angst vor der Ungewissheit dessen, was wir in Stein gemeißelt sehen und für evident halten (müssen). Auch das Material der Schrift und der Akt des Schreibens werden in der Literatur gerne reflektiert. Mit einem Bleistift — wie bei Kafka — goldene Gravuren in einen Stein zu ›schreiben‹, das ist nicht möglich. Aber das Erzählen davon macht den Akt des Gravierens, den Akt der ›Einschreibung‹ in einen festen Stoff bewusst.

Im »Parzival« Wolframs von Eschenbach gibt es eine ähnlich unmögliche Grabinschrift: Auf einem riesigen Diamanten, der zuvor Gahmurets Helm war, steht eine Inschrift mit 26 Versen, die das Leben Gahmurets, des Vaters von Parzival, zusammenfassen (»Parzival« V. 108,3–28, siehe Abbildung). Diese Inschrift ist in vielerlei Hinsicht unmöglich (vor allem wegen der Härte und der Größe des Diamanten). Interessant ist aber auch, dass eine Inschrift auf einem Diamanten tendenziell kaum lesbar ist, da der Diamant selbst durchsichtig ist. Die Schrift wird durchsichtig! Und das bedeutet in seiner Paradoxie, dass die Schrift durchsichtig werden soll auf den Toten hin: Wir sollen nicht die Schrift sehen, sondern den Menschen, von dem die Schrift erzählt. Schrift — so reflektiert es diese Stelle — kann ein Medium sein, durch das hindurch wir auf ein Leben blicken, das zwar vergangen ist, doch eben durch die Schrift, durch die Erzählung wieder aufscheint. Das Erzählen selbst also, das dem Rezipienten oft als Schrift entgegentritt, wird in diesen fantastischen Grabinschriften reflektiert: bei Kafka wie im Mittelalter.

 

 
Literatur

Lieb, Ludger (2015), »Spuren materialer Textkulturen. Neun Thesen zur höfischen Textualität im Spiegel textimmanenter Inschriften«, in: Beate Kellner, Ludger Lieb u. Stephan Müller (Hgg.), Höfische Textualität (Festschrift für Peter Strohschneider; Germanisch-Romanische Monatsschrift, Beiheft 69), Heidelberg, 1–20.

Lieb, Ludger / Wagner, Ricarda (2017), »Dead Writing Matters? Materiality and Presence in Medieval German Narrations of Epitaphs«, in: Irene Berti, Katharina Bolle, Fanny Opdenhoff u. Fabian Stroth (Hgg.), Writing Matters. Presenting and Perceiving Monumental Texts in Ancient Mediterranean Culture (Materiale Textkulturen 14), Berlin / Boston.

Weitere Verweise

Das Video des Vortrags kann unter www.5300jahreschrift.de/videos/lieb.html abgerufen werden.

Eintrag der "St. Gallener Handschrift 857" im Marburger Repertorium.

Digitale Edition der "St. Gallener Handschrift 857" durch das PArzeval-Projekt der Universität Bern (mit Digitalisat zum Durchblättern).

Erklärvideo "Parzival to go (Eschenbach in 13 Minuten)", nachgestellt mit Playmobil-Figuren.

Abbildungshinweis

Titelbild: Stiftsbibliothek St. Gallen, Codex Sangallensis 857.

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

Schrift auf fantastischen Gräbern im Mittelalter

Eine kafkaeske Lektüre (um 1260)

von Ludger Lieb

Die Handschrift Codex Sangallensis 857

(Höhe: ca. 31 cm, Breite: 21,5 cm, Pergament) ist eine der wertvollsten Handschriften des Mittelalters und enthält neben dem »Nibelungenlied« weitere bedeutende  Werke der deutschen höfischen Literatur, vor allem auch den »Parzival« und den »Willehalm«  Wolframs von Eschenbach. Zu sehen ist die Rückseite von Blatt 34 (fol. 34v) aus dem »Parzival«-Teil. Hier erzählt der Knappe Tampanis vom Tod seines Herren Gahmuret (Parzivals Vater). In der linken Spalte ab der 17. Zeile von unten (»mit golde wart […]«) beschreibt Tampanis das fantastische Grabmal Gahmurets, das im Orient von den Muslimen für diesen christlichen Ritter errichtet wurde. Ab der 12. Zeile der rechten Spalte beschreibt er das »Epitaphivm«, das in seinen Helm aus Diamant (»adamas«) eingeritzt (»gegraben«) wurde. Die Grabinschrift ist wörtlich in der 16. Zeile von oben (»dvrch disen helm […]«) bis zur 14. Zeile von unten (»[…] nv ­wnschet im heiles der hie ligt«) wiedergegeben. Heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen (Codex Sangallensis 857). Datierung: um 1260.

Titelbild: Stiftsbibliothek St. Gallen, Codex Sangallensis 857.

Mit Schrift endet das Leben. Steinerne oder metallene Buchstaben, eingemeißelt, eingegraben oder aufgesetzt, halten das zu Ende gegangene Leben eines Menschen öffentlich fest, geben für die Ewigkeit (oder für ein, zwei Jahrzehnte) an, wessen Überreste dort im Grabe zur Ruhe gekommen sind. Hic iacet …, so lautet die alte lateinische Formel, »Hier ruht …«. Grabinschriften gehören zu den leisen, aber sehr weit verbreiteten Selbstverständlichkeiten des christlich-jüdischen Abendlands. Und wie bei allem, was selbstverständlich erscheint, tun sich auch bei der Grabinschrift Abgründe auf, wenn man beginnt nachzufragen. Solche Fragen sind das Metier der Literatur. Das war schon in der Antike und im Mittelalter so und ist es auch in der Moderne. Franz Kafka hat das in einer kurzen Erzählung (»Ein Traum«) von 1920 meisterhaft getan:

»Josef K. träumte: Es war ein schöner Tag, und K. wollte spazierengehen. Kaum aber hatte er zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. […] Zwei Männer standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen Grabstein in der Luft; kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in die Erde, und er stand wie festgemauert. Sofort trat aus einem Gebüsch ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. […] in der Hand hielt er einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen Figuren in der Luft beschrieb. […] Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: ›Hier ruht –‹ […] Endlich verstand ihn K. […]; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen Widerstand leistete; Während er aber unten, schon von der undurchdringlichen Tiefe aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den Stein. Entzückt von diesem Anblick erwachte er.«

Gewöhnlich ist eine Grabinschrift nicht für den bestimmt, der im Grab liegt. Sie wird nicht von dem gelesen, auf den die Inschrift sich bezieht, sondern von denen, die noch leben. Daher muss sich Josef K. auch schleunigst ins Grab legen und tot sein, damit alles seine ›entzückende‹ Ordnung hat. Im mittelhochdeutschen »Prosa-Lancelot«, einem Artusroman aus dem 13. Jahrhundert, passiert etwas ähnlich Unwahrscheinliches: Lancelot findet in einem Burggarten die Gräber der Artusritter, der toten wie auch derjenigen, die noch leben. Darunter ist auch sein eigenes Grab. Und von der Grabinschrift auf seinem Grab erfährt er auch zum ersten Mal, wie er heißt und wer seine Eltern sind:

In disem grab sol Lancelot ligen von dem Lacke, des kóniges Banes son von Bonewig und Alenen synes wibes

»In diesem Grab wird Lanzelot vom See liegen, der Sohn des Königs Ban von Bonewig und seiner Frau Alene«

Eine unbekannte, unverfügbare Macht scheint zu walten, die alles von hinten her, vom Tode her bestimmt. Wie im Buch des Lebens, das alle Gerechten schriftlich verzeichnet, so hat auch hier schon jemand schriftlich in Stein gemeißelt, was am Ende gelten und wahr sein soll und was schon gewusst wurde, bevor der Mensch selbst seiner gewahr wird. Die literarische Reflexion stellt Fragen nach dem, was unser Leben bestimmt.

Gewöhnlich glaubt man dem, was in Stein gemeißelt ist. Doch wer garantiert eigentlich diese Übereinstimmung zwischen Textaussage und Wirklichkeit? Schon Josef K. musste in seinem Traum durch eigenes Zutun quasi die Zuverlässigkeit der Schrift allererst herstellen. In der mittelalterlichen Literatur finden sich nicht selten ähnliche In-Frage-Stellungen der Zuverlässigkeit von Schrift. Ein herausragendes Beispiel ist das Grabmal Blanscheflurs in Konrad Flecks ›Flore­roman‹ von 1220. Nachdem Flores königliche (und nicht christliche) Eltern das Liebespaar Flore und Blanscheflur aus dynastischen Erwägungen getrennt haben, indem sie Flore an einen anderen Hof schickten, verkaufen sie die Christentochter Blanscheflur in die Fremde. Als Flore an den Hof der Eltern zurückkommt, suggerieren die Eltern, dass Blanscheflur gestorben sei: Ein riesiges Grabmal mit aufwändiger Automatentechnik gibt davon Zeugnis und die Inschrift überzeugt Flore tatsächlich vom Tod seiner Geliebten:

man sach gehouwen buochstaben / al umbe des grabes ort. / alsus sprâchen diu wort: / ›hie lît Blanscheflûr diu guote, / die Flôre minnte in sînem muote, / und sî in ze gelîcher wîs. / sî was sîn friunt, er ir âmîs‹.

»Man sah ringsherum um das Grab eingemeißelte Buchstaben. Folgendermaßen sprachen die Wörter: ›Hier liegt die gute Blanscheflur, die Flore von Herzen liebte und sie ihn gleichermaßen. Sie war seine Freundin, er ihr Geliebter‹.«

Flore glaubt diesen ›fake news‹. Er lässt sich von der steinernen Macht der Evidenz blenden. Doch anders als der Vater hoffte, lässt Flore deswegen nicht von dieser Liebe ab, sondern versucht sich mit seinem Griffel (mit dem er und Blanscheflur sich früher Liebesbriefe schrieben!) zu erstechen. Die lügende Schrift ›tötet‹ auf diese Weise nicht nur fiktiv Blanscheflur, sondern fast und tatsächlich auch Flore. Literarisch reflektiert wird hier die Angst vor der Ungewissheit dessen, was wir in Stein gemeißelt sehen und für evident halten (müssen). Auch das Material der Schrift und der Akt des Schreibens werden in der Literatur gerne reflektiert. Mit einem Bleistift — wie bei Kafka — goldene Gravuren in einen Stein zu ›schreiben‹, das ist nicht möglich. Aber das Erzählen davon macht den Akt des Gravierens, den Akt der ›Einschreibung‹ in einen festen Stoff bewusst.

Im »Parzival« Wolframs von Eschenbach gibt es eine ähnlich unmögliche Grabinschrift: Auf einem riesigen Diamanten, der zuvor Gahmurets Helm war, steht eine Inschrift mit 26 Versen, die das Leben Gahmurets, des Vaters von Parzival, zusammenfassen (»Parzival« V. 108,3–28, siehe Abbildung). Diese Inschrift ist in vielerlei Hinsicht unmöglich (vor allem wegen der Härte und der Größe des Diamanten). Interessant ist aber auch, dass eine Inschrift auf einem Diamanten tendenziell kaum lesbar ist, da der Diamant selbst durchsichtig ist. Die Schrift wird durchsichtig! Und das bedeutet in seiner Paradoxie, dass die Schrift durchsichtig werden soll auf den Toten hin: Wir sollen nicht die Schrift sehen, sondern den Menschen, von dem die Schrift erzählt. Schrift — so reflektiert es diese Stelle — kann ein Medium sein, durch das hindurch wir auf ein Leben blicken, das zwar vergangen ist, doch eben durch die Schrift, durch die Erzählung wieder aufscheint. Das Erzählen selbst also, das dem Rezipienten oft als Schrift entgegentritt, wird in diesen fantastischen Grabinschriften reflektiert: bei Kafka wie im Mittelalter.

Artikel als PDF

zum Autor

Ludger Lieb ist Professor für Mediävistik am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg, Sprecher des SFB 933 und Teilprojektleiter des Teilprojekts C05 »Inschriftlichkeit. Reflexionen materialer Textkultur in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts«. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Höfische Epik des hohen Mittelalters, Liebesdichtung sowie Metatexte und Inschriften.

Literatur

Lieb, Ludger (2015), »Spuren materialer Textkulturen. Neun Thesen zur höfischen Textualität im Spiegel textimmanenter Inschriften«, in: Beate Kellner, Ludger Lieb u. Stephan Müller (Hgg.), Höfische Textualität (Festschrift für Peter Strohschneider; Germanisch-Romanische Monatsschrift, Beiheft 69), Heidelberg, 1–20.

Lieb, Ludger / Wagner, Ricarda (2017), »Dead Writing Matters? Materiality and Presence in Medieval German Narrations of Epitaphs«, in: Irene Berti, Katharina Bolle, Fanny Opdenhoff u. Fabian Stroth (Hgg.), Writing Matters. Presenting and Perceiving Monumental Texts in Ancient Mediterranean Culture (Materiale Textkulturen 14), Berlin / Boston.

Weitere Verweise

Das Video des Vortrags kann unter www.5300jahreschrift.de/videos/lieb.html abgerufen werden.

Eintrag der "St. Gallener Handschrift 857" im Marburger Repertorium.

Digitale Edition der "St. Gallener Handschrift 857" durch das PArzeval-Projekt der Universität Bern (mit Digitalisat zum Durchblättern).

Erklärvideo "Parzival to go (Eschenbach in 13 Minuten)", nachgestellt mit Playmobil-Figuren.