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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
& Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

Blut ist dicker als Tinte

Teufelspakte im Mittelalter (um 1300/10)

von Klaus Oschema

 
Pergamenthandschrift (in altfranzösischer Sprache) mit Buchmalerei aus der nordfranzösischen Region Picardie, vielleicht aus Amiens

(hier fol. 68r; Höhe: 21,2 cm, Breite: 14,7 cm). Die Schilderung des Papsttums von Johannes II. im 6. Jahrhundert enthält auch eine kurze Fassung der Theophilus-Legende. Heute in New York, The Pierpont Morgan Library (Ms. 751: Abrégé des histoires divines). Datierung: um 1300/10.

 
zum Autor

Klaus Oschema ist seit 2017 Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum und forschte 2016/17 als Gerda Henkel Member am Institute for Advanced Study in Princeton. Er ist zudem assoziiertes Mitglied des SFB 933 an der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Vorstellungen von Europa im Mittelalter und die Ordnung der spätmittelalterlichen höfischen Gesellschaft.

 

Artikel als PDF

»Der Teufel ist tot«, konstatierte der Philosoph Kurt Flasch. Zu Goethes Zeit lebte er noch und war sogar ein rechtlich handelndes Subjekt — schließlich nötigte er als Mephisto dem Doctor Faustus einen formalen Vertrag ab: Er wollte »was Geschriebenes«. Die Absicherung erfolgte in einer besonderen Form, nämlich durch die Unterzeichnung mit Blut: »Ist doch ein jedes Blättchen gut. / Du unterzeichnest Dich mit einem Tröpfchen Blut«.

Der Teufel zog hier wohl die Lehre aus einer langen Geschichte des Betrugs, dessen Opfer er selbst war: Viele Legenden führen uns die Menschen des Mittelalters als unzuverlässige Vertragspartner vor, die ihr teuflisches Gegenüber im letzten Moment schmählich austricksten. Zwar nutzte die eingesetzte List meist Schlupflöcher in den Formulierungen der Verträge. Dennoch bedurfte es der Absicherung durch besonders verbindliche Formen — und Blut, so dachte man, sei dicker als Tinte. Verträge mit dem Teufel sind natürlich stets imaginiert und somit fiktiv. Dennoch ist ihre Untersuchung von großem Reiz, werden hier doch zeitgenössische Ansichten auf die Spitze getrieben, so dass die einschlägigen Texte kulturelle Praktiken und Auffassungen in überzeichneter Form vermitteln. Dies gilt bereits für die Untersuchung der Allianzen zwischen Menschen: Von der Antike bis in die Neuzeit findet sich das Motiv der ›Blutsbrüderschaft‹, die durch die gegenseitige Einverleibung des Bluts der Beteiligten geschlossen wurde. Eindeutige Belege für eine entsprechende reale Praxis besitzen wir nicht — schon die Vorstellungen sind aber aussagekräftig: Ein Bündnis durch den Austausch von Blut konnte ohne Worte auskommen und war daher über Kulturgrenzen hinweg möglich. So erstaunt es wenig, dass die Darstellung dieser Art der Verbrüderung in der lateinischen Geschichtsschreibung im Gefolge der Kreuzzüge einen Aufschwung erlebte. Ein Blutsbündnis galt zudem als besonders verpflichtend, da man das Blut in biblischer Tradition als Sitz der Seele ansah.

In eine ähnliche Tradition gliedert sich die Geschichte des Teufelspakts ein, der vor allem zur Neuzeit hin immer prominenter begegnet, wie die Faust-Erzählung verdeutlicht. Dabei musste der Pakt nicht immer in Schriftform erfolgen, sondern konnte auch durch Handlungen besiegelt werden — indem man etwa den Dämon rituell verehrte oder mit ihm sexuell verkehrte. Wenn auch keine ›echten‹ Teufelspakte überliefert sein können, so wandelten sich doch die Formen, in denen die Menschen früherer Tage sie imaginierten — und buchstäblich im Bild fassten. Dabei lässt sich beobachten, welche Varianten des Schrifteinsatzes praktiziert wurden und welche als besonders verbindlich galten.

Auf diese Weise erhält auch die Theophilus-Legende einen historischen Wert, eine moralisierende Wundererzählung, die in der hier vorgestellten Abbildung präsentiert wird: Wohl im 7. Jahrhundert in Griechenland entstanden, wurde sie auch im lateinischen Westen rezipiert und im 10. Jahrhundert durch Hrotswith von Gandersheim in Versform gefasst. Bei allen Unterschieden im Detail blieb der Handlungskern recht stabil: Der Priester Theophilus wird von einem Bischof verleumdet und verliert seine Position. Ein Jude verführt dann den frustrierten Kleriker dazu, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Um dessen Unterstützung zu erhalten, verkauft Theophilus seine Seele. Das Geschäft fruchtet: Er erlangt sein Amt wieder, wird aber hochmütig — bis Gott ihn zur Reue bringt. Verzweifelt bittet Theophilus nun die Gottesmutter Maria um gnadenbringende Vermittlung: Sie erwirkt die Vergebung und bringt sogar die Pakturkunde zurück. Wieder einmal unterliegt der Teufel, während die Erzählung das Lob Mariens singt.

Bei Hrotswith wird der Pakt durch eine carta besiegelt, also ein Schriftstück oder eine Urkunde. Diese, so Theophilus' Flehen, solle Maria dem Teufel entreißen — und tatsächlich wird am Ende die carta maledicta verbrannt. Genaueres zu ihrer Form und Materialität erfahren wir nicht. Präziser wird hier die schwer zu datierende Prosafassung der Geschichte: Sie spricht von einem ›Chirographen‹, den Theophilus zudem mit seinem eigenen Ring auf Wachs besiegelt. Gemeint ist wohl eine jener Urkunden, die vor allem zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in Gebrauch waren und zur Sicherung des Inhalts den Text doppelt niederlegten. Das Pergament wurde dann über einem in der Mitte angebrachten Schriftzug Chirographum (wörtlich: ›Handschrift‹) zerschnitten, so dass beide Partner einen Teil mit dem vollständigen Text erhielten. Zur Prüfung der Echtheit konnte man dann beide Teile zusammenlegen und die Passgenauigkeit feststellen.

Die spätere Entwicklung der Erzählung deutet an, dass bei der Vorstellung eines Vertrages mit dem Teufel die unter Menschen üblichen Formen bald nicht mehr genügten, denn ab dem 13. Jahrhundert finden wir Texte, in denen Theophilus seinen Pakt mit Blut festigt. Das Motiv begegnet in der lateinischen Legenda aurea des Jakob von Voragine ebenso wie in volkssprachlichen Bearbeitungen. Der Chronist Jansen Enikel etwa unterstreicht das Schreiben mit Blut, und Brun von Schonebeck präzisiert, der Teufel habe Theophilus zur Gewinnung dieser ›Tinte‹ heftig in die swarte gekniffen. Die Episode konnte auch im Bild gefasst werden, wobei der Vertragsschluss in das Zentrum rückte: Der Teufel sticht Theophilus mit der Schreibfeder in die Zunge, um mit dem so gewonnenen Blut den Vertrag auf ein Stück Pergament zu schreiben. Der Ort der Blutgewinnung verweist auf die Bedeutung des gesprochenen Worts, während die rot ausgeführten (nicht lesbaren) Schriftzeichen auf der Urkunde wohl die Verwendung des Bluts markieren.

So wurden die Details der Theophilus-Legende über die Zeiten hinweg an sich wandelnde Vorstellungen und konkrete Praktiken beim Einsatz von Schriftlichkeit angepasst. Der Teufelspakt spiegelt die zunehmende Popularität des Motivs der Blutsbrüderschaft, das ebenfalls zum Spätmittelalter hin vermehrt auftritt. Dabei entwickelte das Motiv vom Bündnis mit dem Teufel eigene Blüten. In vielen Hexenverhören der Neuzeit ist die Rede davon, dass der Teufel selbst Partnern, die des Schreibens nicht mächtig waren, diese Fähigkeit verliehen habe. Wirklich in Blut geschriebene Texte kennen wir aus dem Mittelalter dagegen kaum: Eine heute in Oxford aufbewahrte, irische Handschrift enthält zwar den Vermerk »Blut vom Finger des Maoileachlainn«, aber die bräunliche Schrift wurde bislang noch nicht chemisch untersucht. Selbst wenn diese Randnotiz mit Blut geschrieben sein sollte, so besiegelte sie doch keinen Vertrag, sondern verwies lediglich auf den Schreiber einer Heldengeschichte.

 

 
Literatur

Brown, Catherine (2011), »Manuscript Thinking: Stories by Hand«, in: Postmedieval 2, 350–368.

Hille, Iris (2009), Der Teufelspakt in frühneuzeitlichen Verhörprotokollen: Standardisierung und Regionalisierung im Frühneuhochdeutschen, Berlin.

Muchembled, Robert (2000), Une histoire du diable, XIIe– XXe siècle, Paris.

Neumann, Almut (1997), Verträge und Pakte mit dem Teufel. Antike und mittelalterliche Vorstellungen im ›Malleus maleficarum‹ (Saarbrücker Hochschulschriften 30), St. Ingbert.

Oschema, Klaus (2008), »Das Motiv der Blutsbrüderschaft – ein Ritual zwischen Mittelalter und Gegenwart«, in: Edgar Bierende, Sven Bretfeld u. Klaus Oschema (Hgg.): Riten, Gesten, Zeremonien. Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (Trends in Medieval Philology 14), Berlin / New York, 41–71.

Weitere Verweise

"Teufelspakte im Mittelalter" - ein Video des vollständigen Vortrags, den Herr Professor Oschema im Sommer 2015 in der Peterskirche gehalten hat, finden Sie hier.

Ingeborg Psalter (Chantilly, Musée Condé, ms. 9): Szenen zur Theophilus-Legende (fol. 35v; fol. 36r).

Gautier de Coinci, Miracles de Nostre Dame (Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, 71 A 24): Szenen zur Theophilus-Legende (fol. 1r). Einzelszenen: (fol. 2v; fol. 5v; fol. 6v).

Psalterfragment (?) (Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, 76 F 5; Miniaturen wohl St. Omer, Abtei St. Bertin; c. 1190-1200): Szenen zur Theophilus-Legende (fol. 41r; fol. 42r).

Arbeit zur mittelalterlichen Theophilus-Legende in Text und Bild: Mélanie Côté, La légende de Théophile dans l’Occident médiéval (IXe-XVIe siècle). Analyse textuelle et iconographique, Québec (Université de Laval) 2014.

Abbildungshinweis

Titelbild: Abrégé des histoires divines (Frankreich, evtl. Amiens, zw. 1300–1310); New York, The Pierpont Morgan Library, MS M. 751, fol. 68r. © The Pierpont Morgan Library, New York.

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

Blut ist dicker als Tinte

Teufelspakte im Mittelalter (um 1300/10)

von Klaus Oschema

Pergamenthandschrift (in altfranzösischer Sprache) mit Buchmalerei aus der nordfranzösischen Region Picardie, vielleicht aus Amiens

(hier fol. 68r; Höhe: 21,2 cm, Breite: 14,7 cm). Die Schilderung des Papsttums von Johannes II. im 6. Jahrhundert enthält auch eine kurze Fassung der Theophilus-Legende. Heute in New York, The Pierpont Morgan Library (Ms. 751: Abrégé des histoires divines). Datierung: um 1300/10.

Titelbild: Abrégé des histoires divines (Frankreich, evtl. Amiens, zw. 1300–1310); New York, The Pierpont Morgan Library, MS M. 751, fol. 68r. © The Pierpont Morgan Library, New York.

»Der Teufel ist tot«, konstatierte der Philosoph Kurt Flasch. Zu Goethes Zeit lebte er noch und war sogar ein rechtlich handelndes Subjekt — schließlich nötigte er als Mephisto dem Doctor Faustus einen formalen Vertrag ab: Er wollte »was Geschriebenes«. Die Absicherung erfolgte in einer besonderen Form, nämlich durch die Unterzeichnung mit Blut: »Ist doch ein jedes Blättchen gut. / Du unterzeichnest Dich mit einem Tröpfchen Blut«.

Der Teufel zog hier wohl die Lehre aus einer langen Geschichte des Betrugs, dessen Opfer er selbst war: Viele Legenden führen uns die Menschen des Mittelalters als unzuverlässige Vertragspartner vor, die ihr teuflisches Gegenüber im letzten Moment schmählich austricksten. Zwar nutzte die eingesetzte List meist Schlupflöcher in den Formulierungen der Verträge. Dennoch bedurfte es der Absicherung durch besonders verbindliche Formen — und Blut, so dachte man, sei dicker als Tinte. Verträge mit dem Teufel sind natürlich stets imaginiert und somit fiktiv. Dennoch ist ihre Untersuchung von großem Reiz, werden hier doch zeitgenössische Ansichten auf die Spitze getrieben, so dass die einschlägigen Texte kulturelle Praktiken und Auffassungen in überzeichneter Form vermitteln. Dies gilt bereits für die Untersuchung der Allianzen zwischen Menschen: Von der Antike bis in die Neuzeit findet sich das Motiv der ›Blutsbrüderschaft‹, die durch die gegenseitige Einverleibung des Bluts der Beteiligten geschlossen wurde. Eindeutige Belege für eine entsprechende reale Praxis besitzen wir nicht — schon die Vorstellungen sind aber aussagekräftig: Ein Bündnis durch den Austausch von Blut konnte ohne Worte auskommen und war daher über Kulturgrenzen hinweg möglich. So erstaunt es wenig, dass die Darstellung dieser Art der Verbrüderung in der lateinischen Geschichtsschreibung im Gefolge der Kreuzzüge einen Aufschwung erlebte. Ein Blutsbündnis galt zudem als besonders verpflichtend, da man das Blut in biblischer Tradition als Sitz der Seele ansah.

In eine ähnliche Tradition gliedert sich die Geschichte des Teufelspakts ein, der vor allem zur Neuzeit hin immer prominenter begegnet, wie die Faust-Erzählung verdeutlicht. Dabei musste der Pakt nicht immer in Schriftform erfolgen, sondern konnte auch durch Handlungen besiegelt werden — indem man etwa den Dämon rituell verehrte oder mit ihm sexuell verkehrte. Wenn auch keine ›echten‹ Teufelspakte überliefert sein können, so wandelten sich doch die Formen, in denen die Menschen früherer Tage sie imaginierten — und buchstäblich im Bild fassten. Dabei lässt sich beobachten, welche Varianten des Schrifteinsatzes praktiziert wurden und welche als besonders verbindlich galten.

Auf diese Weise erhält auch die Theophilus-Legende einen historischen Wert, eine moralisierende Wundererzählung, die in der hier vorgestellten Abbildung präsentiert wird: Wohl im 7. Jahrhundert in Griechenland entstanden, wurde sie auch im lateinischen Westen rezipiert und im 10. Jahrhundert durch Hrotswith von Gandersheim in Versform gefasst. Bei allen Unterschieden im Detail blieb der Handlungskern recht stabil: Der Priester Theophilus wird von einem Bischof verleumdet und verliert seine Position. Ein Jude verführt dann den frustrierten Kleriker dazu, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Um dessen Unterstützung zu erhalten, verkauft Theophilus seine Seele. Das Geschäft fruchtet: Er erlangt sein Amt wieder, wird aber hochmütig — bis Gott ihn zur Reue bringt. Verzweifelt bittet Theophilus nun die Gottesmutter Maria um gnadenbringende Vermittlung: Sie erwirkt die Vergebung und bringt sogar die Pakturkunde zurück. Wieder einmal unterliegt der Teufel, während die Erzählung das Lob Mariens singt.

Bei Hrotswith wird der Pakt durch eine carta besiegelt, also ein Schriftstück oder eine Urkunde. Diese, so Theophilus' Flehen, solle Maria dem Teufel entreißen — und tatsächlich wird am Ende die carta maledicta verbrannt. Genaueres zu ihrer Form und Materialität erfahren wir nicht. Präziser wird hier die schwer zu datierende Prosafassung der Geschichte: Sie spricht von einem ›Chirographen‹, den Theophilus zudem mit seinem eigenen Ring auf Wachs besiegelt. Gemeint ist wohl eine jener Urkunden, die vor allem zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in Gebrauch waren und zur Sicherung des Inhalts den Text doppelt niederlegten. Das Pergament wurde dann über einem in der Mitte angebrachten Schriftzug Chirographum (wörtlich: ›Handschrift‹) zerschnitten, so dass beide Partner einen Teil mit dem vollständigen Text erhielten. Zur Prüfung der Echtheit konnte man dann beide Teile zusammenlegen und die Passgenauigkeit feststellen.

Die spätere Entwicklung der Erzählung deutet an, dass bei der Vorstellung eines Vertrages mit dem Teufel die unter Menschen üblichen Formen bald nicht mehr genügten, denn ab dem 13. Jahrhundert finden wir Texte, in denen Theophilus seinen Pakt mit Blut festigt. Das Motiv begegnet in der lateinischen Legenda aurea des Jakob von Voragine ebenso wie in volkssprachlichen Bearbeitungen. Der Chronist Jansen Enikel etwa unterstreicht das Schreiben mit Blut, und Brun von Schonebeck präzisiert, der Teufel habe Theophilus zur Gewinnung dieser ›Tinte‹ heftig in die swarte gekniffen. Die Episode konnte auch im Bild gefasst werden, wobei der Vertragsschluss in das Zentrum rückte: Der Teufel sticht Theophilus mit der Schreibfeder in die Zunge, um mit dem so gewonnenen Blut den Vertrag auf ein Stück Pergament zu schreiben. Der Ort der Blutgewinnung verweist auf die Bedeutung des gesprochenen Worts, während die rot ausgeführten (nicht lesbaren) Schriftzeichen auf der Urkunde wohl die Verwendung des Bluts markieren.

So wurden die Details der Theophilus-Legende über die Zeiten hinweg an sich wandelnde Vorstellungen und konkrete Praktiken beim Einsatz von Schriftlichkeit angepasst. Der Teufelspakt spiegelt die zunehmende Popularität des Motivs der Blutsbrüderschaft, das ebenfalls zum Spätmittelalter hin vermehrt auftritt. Dabei entwickelte das Motiv vom Bündnis mit dem Teufel eigene Blüten. In vielen Hexenverhören der Neuzeit ist die Rede davon, dass der Teufel selbst Partnern, die des Schreibens nicht mächtig waren, diese Fähigkeit verliehen habe. Wirklich in Blut geschriebene Texte kennen wir aus dem Mittelalter dagegen kaum: Eine heute in Oxford aufbewahrte, irische Handschrift enthält zwar den Vermerk »Blut vom Finger des Maoileachlainn«, aber die bräunliche Schrift wurde bislang noch nicht chemisch untersucht. Selbst wenn diese Randnotiz mit Blut geschrieben sein sollte, so besiegelte sie doch keinen Vertrag, sondern verwies lediglich auf den Schreiber einer Heldengeschichte.

Artikel als PDF

zum Autor

Klaus Oschema ist seit 2017 Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum und forschte 2016/17 als Gerda Henkel Member am Institute for Advanced Study in Princeton. Er ist zudem assoziiertes Mitglied des SFB 933 an der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Vorstellungen von Europa im Mittelalter und die Ordnung der spätmittelalterlichen höfischen Gesellschaft.

Literatur

Brown, Catherine (2011), »Manuscript Thinking: Stories by Hand«, in: Postmedieval 2, 350–368.

Hille, Iris (2009), Der Teufelspakt in frühneuzeitlichen Verhörprotokollen: Standardisierung und Regionalisierung im Frühneuhochdeutschen, Berlin.

Muchembled, Robert (2000), Une histoire du diable, XIIe– XXe siècle, Paris.

Neumann, Almut (1997), Verträge und Pakte mit dem Teufel. Antike und mittelalterliche Vorstellungen im ›Malleus maleficarum‹ (Saarbrücker Hochschulschriften 30), St. Ingbert.

Oschema, Klaus (2008), »Das Motiv der Blutsbrüderschaft – ein Ritual zwischen Mittelalter und Gegenwart«, in: Edgar Bierende, Sven Bretfeld u. Klaus Oschema (Hgg.): Riten, Gesten, Zeremonien. Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (Trends in Medieval Philology 14), Berlin / New York, 41–71.

Weitere Verweise

"Teufelspakte im Mittelalter" - ein Video des vollständigen Vortrags, den Herr Professor Oschema im Sommer 2015 in der Peterskirche gehalten hat, finden Sie hier.

Ingeborg Psalter (Chantilly, Musée Condé, ms. 9): Szenen zur Theophilus-Legende (fol. 35v; fol. 36r).

Gautier de Coinci, Miracles de Nostre Dame (Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, 71 A 24): Szenen zur Theophilus-Legende (fol. 1r). Einzelszenen: (fol. 2v; fol. 5v; fol. 6v).

Psalterfragment (?) (Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, 76 F 5; Miniaturen wohl St. Omer, Abtei St. Bertin; c. 1190-1200): Szenen zur Theophilus-Legende (fol. 41r; fol. 42r).

Arbeit zur mittelalterlichen Theophilus-Legende in Text und Bild: Mélanie Côté, La légende de Théophile dans l’Occident médiéval (IXe-XVIe siècle). Analyse textuelle et iconographique, Québec (Université de Laval) 2014.