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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
& Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

Ordnung ist das halbe Leben!

Die ältesten Listen in Mesopotamien (um 3300 v. Chr.)

von Kristina Sauer

 
Tafel aus Ton (Höhe: 8,7 cm, Breite: 6,1 cm)

Vorderseite der lexikalischen Liste ›Proto LU‹ in archaischer Keilschrift (W 9656, h). Gefunden in der altmesopotamischen Stadt Uruk (mod. Warka, Irak). Heute in den Staatlichen Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum (Inv. VAT 15003). Datierung: um 3300 v. Chr. (Uruk IV-Zeit).

 
zum Autor

Kristina Sauer ist Kuratorin der Uruk-Warka-Sammlung des Deutschen Archäologischen Instituts, die an der Universität Heidelberg aufbewahrt wird. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche am Übergang von der Uruk-Zeit zur Frühbronzezeit sowie frühe Formen der Verwaltungs­praxis.

 

Artikel als PDF

Die frühesten Textzeugnisse Mesopotamiens, die sogenannten ›archaischen Texte‹, stammen aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr. (um 3300 v. Chr.). Bis heute sind annähernd 6700 dieser ältesten Schriftträger bekannt, die sich vornehmlich mit der Erfassung wirtschaftlicher Vorgänge befassen und primär als verfeinertes Instrument der Verwaltungsarbeit dienten. Die Texte sind in einer frühen Form der Keilschrift auf Tontafeln notiert worden, lassen sich jedoch nicht mit Sicherheit einer bestimmten Sprache (z. B. dem Sumerischen) zuordnen. Sie geben uns beispielsweise Auskunft über Herdenhaltung, Bierherstellung, die Verwaltung von Ernteerträgen oder die Einteilung von Arbeitskräften. Neben diesen administrativen Dokumenten, welche ca. 80 % des Corpus ausmachen, finden sich auch Tontafeln, die sich bereits in ihrer äußeren Gestalt deutlich von den übrigen Artefakten unterscheiden, denn sie bergen sogenannte ›lexikalische Listen‹. Es handelt sich dabei um frühe Zeichen- und Wortlisten aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr., die am ehesten mit heutigen Wörterbüchern oder Enzyklopädien vergleichbar sind, wenngleich die keilschriftlichen Listen kaum oder nur in sehr geringem Ausmaß die in ihnen enthaltenen Angaben erläutern. Vielmehr handelt es sich um Aufzählungen von Ausdrücken, welche sich unter einem Oberbegriff, z. B. ›Tierarten‹, zusammen­fassen lassen. Die Auseinandersetzung mit diesem Textgenre vermittelt einen Eindruck davon, wie nach der Erfindung der Schrift mit diesem neuen Medium verfahren wurde; aber auch, welche Möglichkeiten sich der modernen Wissenschaft durch das Studium dieser Informationsträger eröffnen. Es sind nämlich nicht zuletzt die unzähligen und über Jahrhunderte hinweg immer wieder kopierten Wort- und Zeichenlisten, die eine zentrale Rolle bei der Erschließung der Keilschrift und der Kultur, welche sie hervorgebracht hat, spielen.

Aus den ältesten Schriftstufen (Uruk IV und III, ca. 3300–2900 v. Chr.) sind bislang ca. 700 Kopien von insgesamt 14 Listenkompositionen bekannt, welche semantische Zusammenstellungen von Wörtern und Ausdrücken in stereotyper, stets gleichbleibender Form umfassen. Inhaltlich lassen sich grob fünf Kategorien unterscheiden: Geographie, Tierwelt, Flora, Güter sowie Personen und Literatur (im weitesten Sinne). Zu den ältesten, der Phase Uruk IV zuzurechnenden Listenfragmenten zählt die — hier abgebildete — Liste ›Proto LU‹.

Interessant ist bereits das Layout der Tontafeln, auf denen diese Listen verzeichnet sind: Das Format der Tafeln ist zumeist etwas größer als dasjenige der Verwaltungstexte, und sie sind zudem durch ein Gitternetz in einzelne Felder und Kolumnen unterteilt, wobei jedes Feld nur einen Eintrag enthält. Die Schreib- und Leserichtung erfolgt, links oben mit dem ersten Eintrag beginnend, in den Feldern von links nach rechts, in den Kolumnen von oben nach unten. Am Beginn jedes Eintrags steht jeweils ein Zeichen  (N1), welches in dem damals angewandten Sexagesimalsystem üblicherweise die Einheit ›1‹ darstellte, im Falle der Listen jedoch als Merkzeichen fungierte. Darauf folgen ein oder mehrere Logogramme, z. B. das Zeichen (DUGb, »Gefäß«), die das notierte Objekt bezeichnen. Dahinter können weitere Logogramme folgen, welche die Qualität des Objektes näher beschreiben (durch Angaben zu Größe, Form usw.) und möglicherweise auch weitere, für uns noch nicht erkennbare Informationen enthielten. Die einzelnen aufeinanderfolgenden Einträge der vorgestellten Listen weisen untereinander sehr ähnliche Zeichen auf, durch welche Begriffe bestimmter Bedeutungskategorien kommentarlos zusammengestellt werden, z. B. in der Liste ›Gefäße‹ — (DUGb), (DUGbxŠEa, »Gefäß für Getreide bzw. eine bestimmte Quantität an Getreide«), (DUGbxGAa/b, »Gefäß für Milch bzw. eine bestimmte Quantität an Milch«) usw. Die Reihungsprinzipien der archaischen Listen variieren jedoch von Text zu Text. Mehrheitlich scheinen sie einem formal-visuellen Schema zu folgen, sind also primär an der Zeichenform orientiert, und zwar nach dem Schema A, A1, A2 oder AA, AB, AC usw. Spätere Listen folgen jedoch durchaus unterschiedlichen Prinzipien, z. B. einem logisch-kategorialen, in welchem begrifflich assoziiert wurde. Selbst nach einem akustischen Prinzip ließen sich solche Listen ordnen, indem man sich ähnelnde Wortklänge berücksichtigte. Die Reihung konnte aber auch hierarchisch organisiert sein, wie im Falle der Liste ›Proto LU‹, die auch unter dem Namen ›Standard Professions List‹ (fortan SPL) bekannt ist. Die SPL ist mit 163 gesicherten Vertretern die am besten überlieferte archaische Liste, die ab der Schriftstufe Uruk III kanonisiert war, d. h. in einer weitgehend gleichbleibenden Form tradiert und auch im 3. Jahrtausend v. Chr. noch häufig kopiert wurde. Der Text listet Titel und Funktionärsbezeichnungen auf, z. B. den (NAM2 URUa1, »Stadtvorsteher«), den (NAM2 ERIN, »Vorsteher der Truppen«) oder den (NAM2 DI, »Vorsteher des Gesetzes«). Weiterhin enthält die Liste verschiedene Priestertitel und führt auch Gärtner, Köche und vieles mehr auf. Spätere Überlieferungen enden mit der Nennung von Berufen wie Bäcker, Schmied, Juwelier oder Töpfer. Diese Bezeichnungen sind, so wird vermutet, nach ihrem jeweiligen Rang in hierarchischer Reihenfolge aufgeführt, wobei diese Anordnung zumindest teilweise die realen Sozialstrukturen widerzuspiegeln scheint und somit einen Einblick in die Lebenswelt am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. ermöglicht.

In Mesopotamien war dies eine Zeit der Umbrüche, die unter anderem geprägt war durch eine wachsende Differenzierung der mesopotamischen Gesellschaften, ansteigende Siedlungs- und Bevölkerungszahlen sowie monumentale Bauprogramme, welche ein hohes Maß an Organisation und spezialisierter Arbeitskraft erforderten, und nicht zuletzt durch die Entstehung der ersten Großstadt der Region, nämlich von Uruk, dem biblischen Erech. Zugleich war dies eine Epoche, in der mittels der frühen Formen der Schrift zunehmend Begriffe abstrakter und nicht‑praktischer Natur in Listen notiert wurden, welche sich oftmals nicht in den zeitgenössischen Verwaltungsdokumenten wiederfinden. Diese Tatsache lässt vermuten, dass die archaischen Listen — in einem Stadium des Experimentierens mit dem noch jungen Medium — primär dem Erlernen, Memorieren und Standardisieren von, aber auch dem ›Spielen‹ mit Schrift dienten. So begründeten die frühen Schreiber des Uruk-zeitlichen Mesopotamiens eine Jahrtausende lang währende Tradition und legten dadurch den Grundstein für die spätere Schreiberausbildung, bei der das Erlernen und Kopieren von Listen zur Grundausbildung gehörte.

 
Literatur

Englund, Robert K./Nissen, Hans J. (1993), Die lexikalischen Listen der archaischen Texte aus Uruk (Archaische Texte aus Uruk 3), Berlin.

Nissen, Hans J./Damerow, Peter/Englund, Robert K. (22004), Informationsverarbeitung vor 5000 Jahren. Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient, Hildesheim/Berlin.

Veldhuis, Nicolaas C. (2014), History of the Cuneiform Lexical Tradition (Guides to the Mesopotamian Textual Record 6), Münster.

Weitere Verweise

Die im Text behandelte Liste im Fokus auf den Seiten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz , der bpk Bildagentur sowie des Pergamonmuseums in Berlin.

Die Cuneiform Digital Library Initiative setzt es sich zum Ziel, Keilschrifttafeln als Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes der Menschheit zugänglich zu machen.

Aus dem Magazin Spektrum der Wissenschaft ein Artikel zur Entstehung der Schrift in Mesopotamien.

„Proto-Cuneiform - Earliest Form of Writing on Planet Earth“ — Ein Artikel auf ThoughtCo

Zahlreiche 3D-Rekonstruktionen sowie Animationsvideos zu einzelnen Gebäuden und Gebäudekomplexen in Uruk auf der Website von Artefacts

Umfangreiches Kartenmaterial zur Region Mesopotamien finden Sie hier.

Abbildungshinweis

Titelbild: bpk / Vorderasiatisches Museum, SMB / Olaf M.Teßmer.

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

Ordnung ist das halbe Leben!

Die ältesten Listen in Mesopotamien (um 3300 v. Chr.)

von Kristina Sauer

Tafel aus Ton (Höhe: 8,7 cm, Breite: 6,1 cm)

Vorderseite der lexikalischen Liste ›Proto LU‹ in archaischer Keilschrift (W 9656, h). Gefunden in der altmesopotamischen Stadt Uruk (mod. Warka, Irak). Heute in den Staatlichen Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum (Inv. VAT 15003). Datierung: um 3300 v. Chr. (Uruk IV-Zeit).

Titelbild: bpk / Vorderasiatisches Museum, SMB / Olaf M.Teßmer.

Die frühesten Textzeugnisse Mesopotamiens, die sogenannten ›archaischen Texte‹, stammen aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr. (um 3300 v. Chr.). Bis heute sind annähernd 6700 dieser ältesten Schriftträger bekannt, die sich vornehmlich mit der Erfassung wirtschaftlicher Vorgänge befassen und primär als verfeinertes Instrument der Verwaltungsarbeit dienten. Die Texte sind in einer frühen Form der Keilschrift auf Tontafeln notiert worden, lassen sich jedoch nicht mit Sicherheit einer bestimmten Sprache (z. B. dem Sumerischen) zuordnen. Sie geben uns beispielsweise Auskunft über Herdenhaltung, Bierherstellung, die Verwaltung von Ernteerträgen oder die Einteilung von Arbeitskräften. Neben diesen administrativen Dokumenten, welche ca. 80 % des Corpus ausmachen, finden sich auch Tontafeln, die sich bereits in ihrer äußeren Gestalt deutlich von den übrigen Artefakten unterscheiden, denn sie bergen sogenannte ›lexikalische Listen‹. Es handelt sich dabei um frühe Zeichen- und Wortlisten aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr., die am ehesten mit heutigen Wörterbüchern oder Enzyklopädien vergleichbar sind, wenngleich die keilschriftlichen Listen kaum oder nur in sehr geringem Ausmaß die in ihnen enthaltenen Angaben erläutern. Vielmehr handelt es sich um Aufzählungen von Ausdrücken, welche sich unter einem Oberbegriff, z. B. ›Tierarten‹, zusammen­fassen lassen. Die Auseinandersetzung mit diesem Textgenre vermittelt einen Eindruck davon, wie nach der Erfindung der Schrift mit diesem neuen Medium verfahren wurde; aber auch, welche Möglichkeiten sich der modernen Wissenschaft durch das Studium dieser Informationsträger eröffnen. Es sind nämlich nicht zuletzt die unzähligen und über Jahrhunderte hinweg immer wieder kopierten Wort- und Zeichenlisten, die eine zentrale Rolle bei der Erschließung der Keilschrift und der Kultur, welche sie hervorgebracht hat, spielen.

Aus den ältesten Schriftstufen (Uruk IV und III, ca. 3300–2900 v. Chr.) sind bislang ca. 700 Kopien von insgesamt 14 Listenkompositionen bekannt, welche semantische Zusammenstellungen von Wörtern und Ausdrücken in stereotyper, stets gleichbleibender Form umfassen. Inhaltlich lassen sich grob fünf Kategorien unterscheiden: Geographie, Tierwelt, Flora, Güter sowie Personen und Literatur (im weitesten Sinne). Zu den ältesten, der Phase Uruk IV zuzurechnenden Listenfragmenten zählt die — hier abgebildete — Liste ›Proto LU‹.

Interessant ist bereits das Layout der Tontafeln, auf denen diese Listen verzeichnet sind: Das Format der Tafeln ist zumeist etwas größer als dasjenige der Verwaltungstexte, und sie sind zudem durch ein Gitternetz in einzelne Felder und Kolumnen unterteilt, wobei jedes Feld nur einen Eintrag enthält. Die Schreib- und Leserichtung erfolgt, links oben mit dem ersten Eintrag beginnend, in den Feldern von links nach rechts, in den Kolumnen von oben nach unten. Am Beginn jedes Eintrags steht jeweils ein Zeichen  (N1), welches in dem damals angewandten Sexagesimalsystem üblicherweise die Einheit ›1‹ darstellte, im Falle der Listen jedoch als Merkzeichen fungierte. Darauf folgen ein oder mehrere Logogramme, z. B. das Zeichen (DUGb, »Gefäß«), die das notierte Objekt bezeichnen. Dahinter können weitere Logogramme folgen, welche die Qualität des Objektes näher beschreiben (durch Angaben zu Größe, Form usw.) und möglicherweise auch weitere, für uns noch nicht erkennbare Informationen enthielten. Die einzelnen aufeinanderfolgenden Einträge der vorgestellten Listen weisen untereinander sehr ähnliche Zeichen auf, durch welche Begriffe bestimmter Bedeutungskategorien kommentarlos zusammengestellt werden, z. B. in der Liste ›Gefäße‹ — (DUGb), (DUGbxŠEa, »Gefäß für Getreide bzw. eine bestimmte Quantität an Getreide«), (DUGbxGAa/b, »Gefäß für Milch bzw. eine bestimmte Quantität an Milch«) usw. Die Reihungsprinzipien der archaischen Listen variieren jedoch von Text zu Text. Mehrheitlich scheinen sie einem formal-visuellen Schema zu folgen, sind also primär an der Zeichenform orientiert, und zwar nach dem Schema A, A1, A2 oder AA, AB, AC usw. Spätere Listen folgen jedoch durchaus unterschiedlichen Prinzipien, z. B. einem logisch-kategorialen, in welchem begrifflich assoziiert wurde. Selbst nach einem akustischen Prinzip ließen sich solche Listen ordnen, indem man sich ähnelnde Wortklänge berücksichtigte. Die Reihung konnte aber auch hierarchisch organisiert sein, wie im Falle der Liste ›Proto LU‹, die auch unter dem Namen ›Standard Professions List‹ (fortan SPL) bekannt ist. Die SPL ist mit 163 gesicherten Vertretern die am besten überlieferte archaische Liste, die ab der Schriftstufe Uruk III kanonisiert war, d. h. in einer weitgehend gleichbleibenden Form tradiert und auch im 3. Jahrtausend v. Chr. noch häufig kopiert wurde. Der Text listet Titel und Funktionärsbezeichnungen auf, z. B. den (NAM2 URUa1, »Stadtvorsteher«), den (NAM2 ERIN, »Vorsteher der Truppen«) oder den (NAM2 DI, »Vorsteher des Gesetzes«). Weiterhin enthält die Liste verschiedene Priestertitel und führt auch Gärtner, Köche und vieles mehr auf. Spätere Überlieferungen enden mit der Nennung von Berufen wie Bäcker, Schmied, Juwelier oder Töpfer. Diese Bezeichnungen sind, so wird vermutet, nach ihrem jeweiligen Rang in hierarchischer Reihenfolge aufgeführt, wobei diese Anordnung zumindest teilweise die realen Sozialstrukturen widerzuspiegeln scheint und somit einen Einblick in die Lebenswelt am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. ermöglicht.

In Mesopotamien war dies eine Zeit der Umbrüche, die unter anderem geprägt war durch eine wachsende Differenzierung der mesopotamischen Gesellschaften, ansteigende Siedlungs- und Bevölkerungszahlen sowie monumentale Bauprogramme, welche ein hohes Maß an Organisation und spezialisierter Arbeitskraft erforderten, und nicht zuletzt durch die Entstehung der ersten Großstadt der Region, nämlich von Uruk, dem biblischen Erech. Zugleich war dies eine Epoche, in der mittels der frühen Formen der Schrift zunehmend Begriffe abstrakter und nicht‑praktischer Natur in Listen notiert wurden, welche sich oftmals nicht in den zeitgenössischen Verwaltungsdokumenten wiederfinden. Diese Tatsache lässt vermuten, dass die archaischen Listen — in einem Stadium des Experimentierens mit dem noch jungen Medium — primär dem Erlernen, Memorieren und Standardisieren von, aber auch dem ›Spielen‹ mit Schrift dienten. So begründeten die frühen Schreiber des Uruk-zeitlichen Mesopotamiens eine Jahrtausende lang währende Tradition und legten dadurch den Grundstein für die spätere Schreiberausbildung, bei der das Erlernen und Kopieren von Listen zur Grundausbildung gehörte.

Artikel als PDF

zum Autor

Kristina Sauer ist Kuratorin der Uruk-Warka-Sammlung des Deutschen Archäologischen Instituts, die an der Universität Heidelberg aufbewahrt wird. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche am Übergang von der Uruk-Zeit zur Frühbronzezeit sowie frühe Formen der Verwaltungs­praxis.

Literatur

Englund, Robert K./Nissen, Hans J. (1993), Die lexikalischen Listen der archaischen Texte aus Uruk (Archaische Texte aus Uruk 3), Berlin.

Nissen, Hans J./Damerow, Peter/Englund, Robert K. (22004), Informationsverarbeitung vor 5000 Jahren. Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient, Hildesheim/Berlin.

Veldhuis, Nicolaas C. (2014), History of the Cuneiform Lexical Tradition (Guides to the Mesopotamian Textual Record 6), Münster.

Weitere Verweise

Die im Text behandelte Liste im Fokus auf den Seiten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz , der bpk Bildagentur sowie des Pergamonmuseums in Berlin.

Die Cuneiform Digital Library Initiative setzt es sich zum Ziel, Keilschrifttafeln als Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes der Menschheit zugänglich zu machen.

Aus dem Magazin Spektrum der Wissenschaft ein Artikel zur Entstehung der Schrift in Mesopotamien.

„Proto-Cuneiform - Earliest Form of Writing on Planet Earth“ — Ein Artikel auf ThoughtCo

Zahlreiche 3D-Rekonstruktionen sowie Animationsvideos zu einzelnen Gebäuden und Gebäudekomplexen in Uruk auf der Website von Artefacts

Umfangreiches Kartenmaterial zur Region Mesopotamien finden Sie hier.