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5300 Jahre Schrift
Universität Heidelberg: Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften
& Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
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Sonderforschungsbereich 933 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Materiale Textkulturen & Heidelberg Center for Cultural Heritage – HCCH
 

Wieviel Psalm passt in eine Zeile?

Eine besondere Handschrift aus Qumran

von Friederike Schücking-Jungblut

 
Ausschnitt einer Schriftrolle aus Leder (Höhe: 8,5 cm) mit einer Psalmenhandschrift (4QPsb/4Q84)

Zu sehen ist ein Teil von Fragment 15, das Teile der Psalmen 102 und 103 in stichographischem Layout zeigt. Gefunden in Qumran (Israel) in der Höhle 4. Heute im Israel-Museum in Jerusalem (Plate 999/1). Datierung: Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.

 
zum Autor

Friederike Schücking-Jungblut ist seit 2015 akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Alttestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg und befasst sich unter anderem mit der Literaturgeschichte der Psalmen. Im SFB 933 leitet sie das Teilprojekt C02 UP2 »Zwischen Literatur und Liturgie – Pragmatik und Rezeptionspraxis poetischer/liturgischer Schriften der judäischen Wüste«.

 

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In den modernen Editionen der Hebräischen Bibel wie auch in den antiken und modernen Übersetzungen der Bibel sind die Psalmen schon von ihrer graphischen Gestaltung her als poetische Texte (Versdichtung) erkennbar. Sie werden nämlich in einem ›stichographischen‹ Layout dargeboten, d. h. die einzelnen Verse oder Teilverse (griech. στίχοι) werden voneinander graphisch abgehoben. Leitend ist dabei nicht die erst im Mittelalter hinzugefügte Nummerierung der Verse, sondern ihre sprachliche Struktur, die sich vor allem in dem sogenannten parallelismus membrorum niederschlägt. Durch dieses Stilmittel entsprechen sich die Glieder von je zwei aufeinanderfolgenden (Teil-)Versen sachlich und syntaktisch. Sie beleuchten dabei jeweils unterschiedliche Aspekte der Aussage. Die Wiedergabe im stichographischen Layout unterstreicht den Verscharakter der Sprache und erleichtert so das Lesen, Vorlesen und Verstehen der Psalmen als poetische Texte. Und doch war es nicht zu allen Zeiten selbstverständlich, biblische Psalmen in einer derartigen Form wiederzugeben, welche ihrer sprachlichen Struktur entspricht. In den ältesten erhaltenen Handschriften der biblischen Psalmen, die zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. angefertigt und Mitte des 20. Jahrhunderts in der judäischen Wüste nahe der antiken Siedlung Qumran gefunden wurden, bildet ein solches spezifisches Layout nämlich durchaus die Ausnahme.

Eine der wenigen antiken Psalmenhandschriften, die bereits stichographisch geschrieben wurden, ist die Schriftrolle mit der Bezeichnung 4QPsb, die hier abgebildet ist. Das zur Bezeichnung verwendete Kürzel verrät, dass es sich um die zweite Psalmenrolle aus Qumran, Höhle 4 handelt. Die Rolle besteht aus außerordentlich dünnem Leder, das sorgfältig für den Schreibvorgang vorbereitet wurde. Die darin enthaltenen Texte sind in Kolumnen angeordnet, die in einer gleichmäßigen Handschrift mit wenigen Interlinear-Korrekturen angefertigt wurden. Die Rolle 4QPsb wird in die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert; sie wurde vermutlich bald nach ihrer Abfassung in die Höhle verbracht. Durch Zerfallsprozesse und — offenbar mutwillige — Zerstörungen sind von der Schriftrolle heute nur noch 37 Fragmente erhalten, die eine vollständige Rekonstruktion ihres einstigen Umfangs nicht mehr zulassen. Lediglich ihre Höhe kann durch den regelmäßigen Zeilenabstand und die erhaltenen Fragmente des oberen und unteren Randes mit 15 cm einigermaßen sicher angegeben werden. 4QPsb enthält ausschließlich Teile der Psalmen 91–118, wobei die Auslassung der Psalmen 104–111 auffällig ist. Die Rolle könnte mit Psalm 90 begonnen haben; über ihr Ende kann nur spekuliert werden.

Die sorgfältige Vorbereitung des Schreibmaterials und die gewissenhafte Korrektur selbst minimaler Schreibfehler zeugen von der großen Bedeutung, die der antike Schreiber der Rolle zugemessen hat. So fügt sich auch die Anordnung der Verse und Halbverse in stichographischer Form gut in das Gesamtbild ein. Der überwiegende Teil der Rolle — 34 der 36 partiell erhaltenen oder rekonstruierten Spalten — ist dabei so gestaltet, dass jeweils ein Halbvers eine Zeile einnimmt, wodurch sehr schmale Kolumnen von drei bis vier hebräischen Wörtern entstehen. Das entspricht einer Spaltenbreite von 2,5–3,5 cm. Interessant sind aber vor allem die beiden von diesem Schema abweichenden Spalten: In Kolumne 34 wechselt plötzlich die Gestaltung, und der folgende Text wird nun mit zwei hebräischen Halbversen pro Zeile wiedergegeben. Zeilenlänge und Spaltenbreite verdoppeln sich also gegenüber dem Vorherigen. Die folgende Kolumne 35 muss ebenfalls mit zwei Halbversen pro Zeile begonnen haben, endet dann aber wieder mit dem sonst in der gesamten Rolle üblichen Layout. Ein solcher Wechsel der Spaltenbreite ist unter den stichographisch geschriebenen Schriftzeugnissen der judäischen Wüste einmalig.

Zur Erklärung dieses Phänomens ist die Art der Seitengestaltung mit Beobachtungen am Text und mit Überlegungen zum Umgang mit den Schriftrollen zu konfrontieren: Die Wahl des Layouts mit einem Halbvers pro Zeile ist in großen Teilen der Schriftrolle gut nachvollziehbar. So unterstreicht es etwa besonders augenfällig die Struktur von Psalm 112, eines alphabetischen Akrostichons, bei dem jeder Halbvers mit einem anderen Buchstaben in der Reihenfolge des hebräischen Alphabets beginnt und sich durch die Form der Darstellung am rechten Spaltenrand eben dieses Alphabet ablesen lässt. Der Textbereich mit der geschilderten abweichenden Form weist hingegen eine andere sprachliche Struktur auf. Die Veränderung beschränkt sich dabei auf Teile von Psalm 118. Der Anfang dieses Psalms weist eine sprachlich markante Struktur auf, wobei sich diese auf je zwei Halbverse bezieht. Die jeweils ersten Halbverse sind sprachlich und inhaltlich gleichbedeutend, die zweiten Halbverse bilden einen Kehrreim. Diese Struktur aber wird für den Leser deutlicher, wenn die jeweils parallelen bzw. identischen Halbverse direkt untereinander zu stehen kommen. Und genau das leistete der Schreiber, indem er die Spaltenbreite an dieser Stelle vergrößerte. Vergleichbare sprachliche Strukturen treten auch an weiteren Stellen in Psalm 118 auf, finden sich aber ansonsten in dem gesamten Textbereich, aus dem sich 4QPsb nachweisbar bedient, nicht in dieser Deutlichkeit. Schwieriger nachzuvollziehen ist der Wechsel zurück zur Textdarstellung mit schmalen Kolumnen, also mit einem Halbvers pro Zeile. Er tritt nicht nur mitten in einer Spalte auf, sondern sogar innerhalb eines Textabschnittes, nämlich immer noch in Psalm 118. Doch bietet auch hier die Textstruktur einen Anhaltspunkt: Mit Vers 25, dem ersten Vers, der wieder mit nur einem Halbvers pro Zeile wiedergegeben wird, wechselt die Parallelstruktur der Verse. Waren bis hierher jeweils zwei Verse dicht aufeinander bezogen, geht diese Parallelität nun auf die Ebene des Halbverses über. Entsprechend gestaltete der Schreiber den Text von diesem Vers an wieder in einem stichographischen Layout, das an Halbversen orientiert ist.

Der Schreiber dieser Schriftrolle, dessen Namen wir nicht kennen, scheint also ein stark ausgeprägtes Bewusstsein für die Textstruktur gehabt zu haben, und er passte das Layout der von ihm verfertigten Rolle jeweils entsprechend an. Er machte damit die Gestaltung der Schrift der Vergegenwärtigung der Textstruktur dienstbar, so dass letztere optisch rasch erfassbar war. So konnte ein jüdischer Vorbeter im 1. Jahrhundert n. Chr. die sprachlichen Besonderheiten mit einem Blick erkennen und seinen Psalmvortrag an ihnen ausrichten.

 

 
Literatur

Jain, Eva (2014), Psalmen oder Psalter? Materielle Rekonstruktion und inhaltliche Untersuchung der Psalmenhandschriften aus der Wüste Juda (Studies on the Texts of the Desert of Judah 109), Leiden.

Skehan, Patrick W. / Ulrich, Eugene / Flint, Peter W. (2000), »4QPsb«, in: Eugene Ulrich et al. (Hgg.), Qumran Cave 4. XI Psalms to Chronicles (Discoveries in the Judaean Desert 16), Oxford, 23–48.

Tov, Emanuel (2012), »The Background of the Stichometric Arrangements of Poetry in the Judean Desert Scrolls«, in: Jeremy Penner, Ken M. Penner u. Cecilia Wassen (Hgg.), Prayer and Poetry in the Dead Sea Scrolls and Related Literature, Leiden / Boston, 409–420.

Weitere Verweise

Die ältesten bekannten Schriftrollen mit biblischen Texten und vielfältige Informationen sowie Bildmaterial dazu finden Sie in der großen Datenbank The Leon Levy Digital Library. Darunter befinden sich auch zahlreiche Detailaufnahmen der im Text behandelten Psalmhandschrift 4QPsb.

Ein Beispiel für eine (überwiegend) nicht-stichographisch geschriebene Psalmenrolle aus Qumran ist die sog. große Psalmenrolle 11QPsa.

Das stichographische Psalmenlayout findet sich dann durchgehend in Handschriften seit der Spätantike, so z.B. in der ältesten vollständig erhaltenen Handschrift des Alten Testaments, dem Codex Leningradensis (hier zu Ps 118, der im Text behandelt wird).

Abbildungshinweis

Titelbild: Courtesy of The Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library, IAA, Foto: Shai Halevi.

 
  Wunderhorn Verlag Sonderforschungsbereich Materiale Textkulturen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Universität Heidelberg  

Wieviel Psalm passt in eine Zeile?

Eine besondere Handschrift aus Qumran

von Friederike Schücking-Jungblut

Ausschnitt einer Schriftrolle aus Leder (Höhe: 8,5 cm) mit einer Psalmenhandschrift (4QPsb/4Q84)

Zu sehen ist ein Teil von Fragment 15, das Teile der Psalmen 102 und 103 in stichographischem Layout zeigt. Gefunden in Qumran (Israel) in der Höhle 4. Heute im Israel-Museum in Jerusalem (Plate 999/1). Datierung: Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.

Titelbild: Courtesy of The Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library, IAA, Foto: Shai Halevi.

In den modernen Editionen der Hebräischen Bibel wie auch in den antiken und modernen Übersetzungen der Bibel sind die Psalmen schon von ihrer graphischen Gestaltung her als poetische Texte (Versdichtung) erkennbar. Sie werden nämlich in einem ›stichographischen‹ Layout dargeboten, d. h. die einzelnen Verse oder Teilverse (griech. στίχοι) werden voneinander graphisch abgehoben. Leitend ist dabei nicht die erst im Mittelalter hinzugefügte Nummerierung der Verse, sondern ihre sprachliche Struktur, die sich vor allem in dem sogenannten parallelismus membrorum niederschlägt. Durch dieses Stilmittel entsprechen sich die Glieder von je zwei aufeinanderfolgenden (Teil-)Versen sachlich und syntaktisch. Sie beleuchten dabei jeweils unterschiedliche Aspekte der Aussage. Die Wiedergabe im stichographischen Layout unterstreicht den Verscharakter der Sprache und erleichtert so das Lesen, Vorlesen und Verstehen der Psalmen als poetische Texte. Und doch war es nicht zu allen Zeiten selbstverständlich, biblische Psalmen in einer derartigen Form wiederzugeben, welche ihrer sprachlichen Struktur entspricht. In den ältesten erhaltenen Handschriften der biblischen Psalmen, die zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. angefertigt und Mitte des 20. Jahrhunderts in der judäischen Wüste nahe der antiken Siedlung Qumran gefunden wurden, bildet ein solches spezifisches Layout nämlich durchaus die Ausnahme.

Eine der wenigen antiken Psalmenhandschriften, die bereits stichographisch geschrieben wurden, ist die Schriftrolle mit der Bezeichnung 4QPsb, die hier abgebildet ist. Das zur Bezeichnung verwendete Kürzel verrät, dass es sich um die zweite Psalmenrolle aus Qumran, Höhle 4 handelt. Die Rolle besteht aus außerordentlich dünnem Leder, das sorgfältig für den Schreibvorgang vorbereitet wurde. Die darin enthaltenen Texte sind in Kolumnen angeordnet, die in einer gleichmäßigen Handschrift mit wenigen Interlinear-Korrekturen angefertigt wurden. Die Rolle 4QPsb wird in die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert; sie wurde vermutlich bald nach ihrer Abfassung in die Höhle verbracht. Durch Zerfallsprozesse und — offenbar mutwillige — Zerstörungen sind von der Schriftrolle heute nur noch 37 Fragmente erhalten, die eine vollständige Rekonstruktion ihres einstigen Umfangs nicht mehr zulassen. Lediglich ihre Höhe kann durch den regelmäßigen Zeilenabstand und die erhaltenen Fragmente des oberen und unteren Randes mit 15 cm einigermaßen sicher angegeben werden. 4QPsb enthält ausschließlich Teile der Psalmen 91–118, wobei die Auslassung der Psalmen 104–111 auffällig ist. Die Rolle könnte mit Psalm 90 begonnen haben; über ihr Ende kann nur spekuliert werden.

Die sorgfältige Vorbereitung des Schreibmaterials und die gewissenhafte Korrektur selbst minimaler Schreibfehler zeugen von der großen Bedeutung, die der antike Schreiber der Rolle zugemessen hat. So fügt sich auch die Anordnung der Verse und Halbverse in stichographischer Form gut in das Gesamtbild ein. Der überwiegende Teil der Rolle — 34 der 36 partiell erhaltenen oder rekonstruierten Spalten — ist dabei so gestaltet, dass jeweils ein Halbvers eine Zeile einnimmt, wodurch sehr schmale Kolumnen von drei bis vier hebräischen Wörtern entstehen. Das entspricht einer Spaltenbreite von 2,5–3,5 cm. Interessant sind aber vor allem die beiden von diesem Schema abweichenden Spalten: In Kolumne 34 wechselt plötzlich die Gestaltung, und der folgende Text wird nun mit zwei hebräischen Halbversen pro Zeile wiedergegeben. Zeilenlänge und Spaltenbreite verdoppeln sich also gegenüber dem Vorherigen. Die folgende Kolumne 35 muss ebenfalls mit zwei Halbversen pro Zeile begonnen haben, endet dann aber wieder mit dem sonst in der gesamten Rolle üblichen Layout. Ein solcher Wechsel der Spaltenbreite ist unter den stichographisch geschriebenen Schriftzeugnissen der judäischen Wüste einmalig.

Zur Erklärung dieses Phänomens ist die Art der Seitengestaltung mit Beobachtungen am Text und mit Überlegungen zum Umgang mit den Schriftrollen zu konfrontieren: Die Wahl des Layouts mit einem Halbvers pro Zeile ist in großen Teilen der Schriftrolle gut nachvollziehbar. So unterstreicht es etwa besonders augenfällig die Struktur von Psalm 112, eines alphabetischen Akrostichons, bei dem jeder Halbvers mit einem anderen Buchstaben in der Reihenfolge des hebräischen Alphabets beginnt und sich durch die Form der Darstellung am rechten Spaltenrand eben dieses Alphabet ablesen lässt. Der Textbereich mit der geschilderten abweichenden Form weist hingegen eine andere sprachliche Struktur auf. Die Veränderung beschränkt sich dabei auf Teile von Psalm 118. Der Anfang dieses Psalms weist eine sprachlich markante Struktur auf, wobei sich diese auf je zwei Halbverse bezieht. Die jeweils ersten Halbverse sind sprachlich und inhaltlich gleichbedeutend, die zweiten Halbverse bilden einen Kehrreim. Diese Struktur aber wird für den Leser deutlicher, wenn die jeweils parallelen bzw. identischen Halbverse direkt untereinander zu stehen kommen. Und genau das leistete der Schreiber, indem er die Spaltenbreite an dieser Stelle vergrößerte. Vergleichbare sprachliche Strukturen treten auch an weiteren Stellen in Psalm 118 auf, finden sich aber ansonsten in dem gesamten Textbereich, aus dem sich 4QPsb nachweisbar bedient, nicht in dieser Deutlichkeit. Schwieriger nachzuvollziehen ist der Wechsel zurück zur Textdarstellung mit schmalen Kolumnen, also mit einem Halbvers pro Zeile. Er tritt nicht nur mitten in einer Spalte auf, sondern sogar innerhalb eines Textabschnittes, nämlich immer noch in Psalm 118. Doch bietet auch hier die Textstruktur einen Anhaltspunkt: Mit Vers 25, dem ersten Vers, der wieder mit nur einem Halbvers pro Zeile wiedergegeben wird, wechselt die Parallelstruktur der Verse. Waren bis hierher jeweils zwei Verse dicht aufeinander bezogen, geht diese Parallelität nun auf die Ebene des Halbverses über. Entsprechend gestaltete der Schreiber den Text von diesem Vers an wieder in einem stichographischen Layout, das an Halbversen orientiert ist.

Der Schreiber dieser Schriftrolle, dessen Namen wir nicht kennen, scheint also ein stark ausgeprägtes Bewusstsein für die Textstruktur gehabt zu haben, und er passte das Layout der von ihm verfertigten Rolle jeweils entsprechend an. Er machte damit die Gestaltung der Schrift der Vergegenwärtigung der Textstruktur dienstbar, so dass letztere optisch rasch erfassbar war. So konnte ein jüdischer Vorbeter im 1. Jahrhundert n. Chr. die sprachlichen Besonderheiten mit einem Blick erkennen und seinen Psalmvortrag an ihnen ausrichten.

Artikel als PDF

zum Autor

Friederike Schücking-Jungblut ist seit 2015 akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Alttestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg und befasst sich unter anderem mit der Literaturgeschichte der Psalmen. Im SFB 933 leitet sie das Teilprojekt C02 UP2 »Zwischen Literatur und Liturgie – Pragmatik und Rezeptionspraxis poetischer/liturgischer Schriften der judäischen Wüste«.

Literatur

Jain, Eva (2014), Psalmen oder Psalter? Materielle Rekonstruktion und inhaltliche Untersuchung der Psalmenhandschriften aus der Wüste Juda (Studies on the Texts of the Desert of Judah 109), Leiden.

Skehan, Patrick W. / Ulrich, Eugene / Flint, Peter W. (2000), »4QPsb«, in: Eugene Ulrich et al. (Hgg.), Qumran Cave 4. XI Psalms to Chronicles (Discoveries in the Judaean Desert 16), Oxford, 23–48.

Tov, Emanuel (2012), »The Background of the Stichometric Arrangements of Poetry in the Judean Desert Scrolls«, in: Jeremy Penner, Ken M. Penner u. Cecilia Wassen (Hgg.), Prayer and Poetry in the Dead Sea Scrolls and Related Literature, Leiden / Boston, 409–420.

Weitere Verweise

Die ältesten bekannten Schriftrollen mit biblischen Texten und vielfältige Informationen sowie Bildmaterial dazu finden Sie in der großen Datenbank The Leon Levy Digital Library. Darunter befinden sich auch zahlreiche Detailaufnahmen der im Text behandelten Psalmhandschrift 4QPsb.

Ein Beispiel für eine (überwiegend) nicht-stichographisch geschriebene Psalmenrolle aus Qumran ist die sog. große Psalmenrolle 11QPsa.

Das stichographische Psalmenlayout findet sich dann durchgehend in Handschriften seit der Spätantike, so z.B. in der ältesten vollständig erhaltenen Handschrift des Alten Testaments, dem Codex Leningradensis (hier zu Ps 118, der im Text behandelt wird).